Die Zeit, in der regelmäßig TV-Kameras in Fußball-Kneipen standen, um eine möglichst fan-nahe Bundesligaberichterstattung in die heimischen Wohnzimmer zu transportieren, ist lange vorbei. Der Sport1-Fantalk wird zwar inzwischen wieder aus der 11 Freunde-Bar in Essen gesendet, dafür hat Sky das Format „Mein Stadion“ eingestampft – und das schon seit über zehn Jahren. „Das TV-Geschäft, und hier insbesondere der Sportbereich, ist sehr dynamischen Prozessen ausgesetzt und das zeigt sich auch in unserer Ausrichtung“, sagte der 2020 verstorbene Sky-Sportchef Burkhard Weber seinerzeit. Oder wie mein Kumpel Anton weiß: „Die hatten schon damals keine Kohle mehr.“
Wenn Esther Sedlaczek oder Christina Rann gemeinsam mit Uli Potofski – er hatte mit Burkhard Weber in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Sendung „Anpfiff“ auf RTL geprägt – zur Berichterstattung der Freitagabendspiele ansetzten, dann sendeten sie anfangs aus dem Stadion an der Schleißheimer Straße in München. Als das Format umgestellt wurde und die Sendung auf Wanderschaft ging, wurden Kneipen wie der „Stammplatz“ in Hannover, die „Hattrick Sportsbar“ in München oder der „11er“ in Augsburg zu TV-Studios. Und ganz ehrlich: Woher soll man solche Fußball-Kneipen kennen, wenn man nicht in der jeweiligen Stadt heimisch ist?
Ein potenzieller Lehrer wird vom Fan zum Geschäftsführer
In Augsburg wird es niemanden geben, der den 11er nicht kennt, wenn er sich für Fußball interessiert. Das liegt einerseits daran, dass die Kneipe im kommenden Jahr ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiert, andererseits an ihrem Besitzer Markus Krapf, den alle nur „Max“ nennen.
Als ich ihn für diesen Artikel anschreibe und er mir antwortet, endet seine E-Mail mit der Grußformel „Auf Augsburg, auf den FCA!“. Max ist Augsburger, ging in Augsburg zur Schule, studierte in Augsburg und wurde schon von seinem Vater mit zum FC Augsburg genommen. 2002 erhielt er vom Verein das Angebot, Geschäftsführer zu werden – im Alter von 29 Jahren und „völlig branchenfremd“, wie er in einem späteren Interview sagte. Seine formelle Qualifikation: Ein erstes Staatsexamen in Deutsch und Sozialkunde auf Gymnasiallehramt und einen Job beim Fernsehen. „Man hat zum Wohle des FC Augsburg viele Sachen zusammen mit den Fans organisiert“, erklärt Max in einem Interview mit dem Stadionkurier aus dem Jahr seines Amtsantritts. Aus dieser Zusammenarbeit wusste der damalige Präsident Walther Seinsch, dass er sich „auf uns verlassen kann“ (Bolzen-Online) und machte aus dem engagierten FCA-Fan den FCA-Geschäftsführer.
Im Faxgerät lag das Schreiben eines südamerikanischen Spielerberaters, der uns ernsthaft Diego Forlan anbot! Leider wechselte der dann für 6,9 Millionen Euro zu Manchester United. Schon am ersten Arbeitstag musste ich also meinen ersten Rückschlag verkraften.
Markus Krapf über seinen ersten Arbeitstag als Geschäftsführer
Fünf Jahre später beendete Max seine Tätigkeit bei seinem Herzensverein und eröffnete den 11er in der Dominikanergasse, weil er, wie er damals rational analysierte, eine Marktlücke darin sah. Emotional fiel die Begründung etwas leidenschaftlicher aus: „Weil Fußball das Größte ist und Menschen aus allen Schichten und Altersgruppen verbindet.“ In der Realität profitieren beide Seiten voneinander: Einerseits können die Fans des FCA die Auswärtsspiele jetzt im 11er verfolgen, andererseits ist es der Erfolg des FC Augsburg, der Fußballfans aus ganz Deutschland in die Stadt lockt und auch dem 11er Gäste beschert. Dabei war es weniger der Fußball-Hype des Sommermärchens, der dem 11er 2007 in die Karten spielte, sondern die Rückkehr des FCA in die 2. Bundesliga nach 24 Jahren.
Und daran hatte Max einen großen Anteil. Aus einem Regionalligisten war unter seiner Regie nicht nur ein Zweitligist geworden, statt 2 400 kamen zu den Heimspielen nun fast 25 000 Menschen. Vorher gab es keinen einzigen Fanclub, jetzt waren es 25. Andere Vereine, darunter der VfB Stuttgart, Rot-Weiss Essen und Arminia Bielefeld, meldeten Interesse an Max an, der aber „noch nie länger als sechs Wochen aus dieser Stadt weg war“ (Augsburger Allgemeine) und das auch zukünftig nicht vorhatte. „Jetzt ist einfach Zeit für mich, etwas anderes zu machen“, begründete Markus seinen Entschluss, der für viele unverständlich war – und wurde Kneipier.
Der 11er ist keine FCA-Fankneipe
Dem Leitspruch „Fußball – Kultur – Kneipe“ wird Max gerecht, er organisiert Tschutti-Heftli-Sammelbörsen, trägt die EA Sports Kneipenmeisterschaft aus oder veranstaltet Lesungen. Einmal saß er dabei selbst mit auf der Bühne, weil er Mitautor des Buches „111 Gründe, den FC Augsburg zu lieben“ ist. Der 11er versteht sich aber nicht als reine FCA-Kneipe. „Im 11er werden die Fans aller Farben respektiert. Und wer sich nicht danebenbenimmt, findet hier Gleichgesinnte, mit denen er über seine Passion parlieren kann“, sagte Max einst dem Online-Kneipen-Guide Bolzen-Online. „Augsburg ist eine Studentenstadt, deswegen haben wir Fans von fast jedem Club in der Elf. Das finde ich einfach überragend.“
Bei unserem Besuch in der gut gefüllten Fußball-Kneipe treffen Union Berlin und der FC Schalke 04 aufeinander. Es gibt drei große Flatscreens auf 75 Quadratmetern, serviert wird auf „Schleißheimer Straße-Niveau“: Unsere Bedienung macht an diesem Abend mehr Kilometer als Emil Zatopek 1952 in Helsinki, scannt permanent die Tische und ist auch noch ausgesprochen freundlich. Max selbst ist nicht vor Ort, was daran liegen könnte, dass er einen Tag vor dem Heimspiel gegen Leverkusen andere Dinge zu tun hat: Seit 2022 ist er zurück beim FCA – als Präsident! Trotzdem lässt er sich jeden Tag mindestens einmal im 11er blicken.
Die richtige Kneipe am richtigen Ort
Die beiden obengenannten Kneipen, der „Stammplatz“ in Hannover und die „Hattrick Sportsbar“ in München, mussten inzwischen dichtmachen. „Leipzig gegen Hoffenheim will keiner sehen“, sagte Stammplatz-Besitzer Andy Kühn, als er seine Kneipe schließen musste, Corona gab ihr den Rest. Viele Gastronomen bemängeln außerdem die Preisentwicklung bei Sky, DAZN und Co. Max hat darauf einen eigenen Blick: „Ich muss natürlich kalkulieren. Der Fußball macht mir den Laden voll, wenn ich das nicht bezahlen kann, muss ich mir ein anderes Konzept ausdenken. Würde ich auf Live-Bands setzen, dann wäre das wesentlich teurer.“
Darauf hat aber niemand Lust. „Der 11er ist so, wie er ist, genau das Richtige für Augsburg“, sagt Max. Und da kann man einfach nicht widersprechen.
Anschrift: 11er Fußball.Kultur.Kneipe, Dominikanergasse 14, 86150 Augsburg
Internet: 11er.biz










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