„Es kann sein“, sagt Ziad Gornasa, „dass der Hype nach dem Sommer vorbei ist und alles einkracht“. Während ich in seinem Laden in der Gasteiner Straße stehe, hier in Berlin Wilmersdorf, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass „alles einkracht“, wie er in einem Gespräch mit dem RBB sagt. Und jetzt, ziemlich genau ein Jahr später, habe ich Gewissheit: Nichts in eingekracht. Im Gegenteil. Das Geschäft mit Vintage-Trikots – und davon spricht Ziad – boomt. Hier in Berlin, wo es neben Ziad auch noch „Basement Berlin“ gibt, in Würzburg in der „Mode Ziege“ und im Hamburger Schanzenviertel, wo sich mit der „Vintage Gallery“ und dem „Hot Dogs“ gleich mehrere Läden befinden. In Hannover schoss jüngst „Nanos Footballjerseys“ ein weiterer Store aus dem Boden, er wird, so der Trend, nicht der letzte bleiben. Überall werden Shirts verkauft, die Erinnerungen an die Tage auf dem Bolzplatz wecken.
Im Hamburger Schanzenviertel gibt es zwei Vintage-Läden
Eigentlich betrete ich keinen Laden, sondern eine Zeitmaschine, als ich die Tür des Hot Dogs passiere. Die Schuhe, die auf dem Sprungtisch und in den Regalen stehen, sind aus den Sportartikelkatalogen der Siebziger-, Achtziger- und Neunziger-Jahre. Es sind Originale und sie sind neuwertig, aber sie sind aus dem vergangenen Jahrtausend. Der ganze Tüdelkram, ob Minitrikots, Buttons oder Werbeaufkleber, ist längst nicht mehr like a virgin, touched for the very first time. Ebenso die Klamotten, die eng aneinandergereiht auf den Bügeln hängen, ob Pullover, Trainingsjacken, Trikots oder eben jene Hemden, die genau so aussehen wie die meines Vaters, die meine Mutter bereits vor dreißig Jahren aus seinem Kleiderschrank aussortierte. Das ganze Zeug macht den Laden irgendwie zu einem Flohmarkt, es erzählt seine eigene Geschichte, jedes Teil für sich. Im Hot Dogs wird das Internet zum stationären Einzelhandel, Ebay erhält eine Kaufberatung und wird haptisch. Und damit das Gefühl so richtig real wird, gibt es Sachen, die es nicht zu kaufen gibt, komme was wolle, wie ein Unterhemd in Kindergröße, auf dem Wappen verschiedener Bundesligisten abgebildet sind. Oder ein Trikot von Crystal Palace.

Der Mann, der sich von solchen Sachen nicht trennen kann, ist Noah Jurecky. 1996 begann er im Karoviertel mit dem Verkauf von Vintage-Klamotten, seit 2001 unter dem Namen Hot Dogs. „Ich wollte schon früher nicht rumlaufen wie die anderen Kids“, sagt der gebürtige Düsseldorfer. Über eine Freundin entdeckte er „die Passion zu altem Kram“, als er 15 Jahre alt war. Die richtigen Kontakte, Verkaufsstände auf Festivals, so wurde aus einem Studenten (Anglistik und Medienwissenschaften, „aber ich war nie da“) der Besitzer dieser außergewöhnlichen Zeitmaschine.

Im Kleidungssektor kommt für mich nichts infrage. Die Flanelhemden mögen der allgemeinen Kundschaft stehen, ich sähe darin aus wie ein Wanderprediger. Und das Angebot an Schuhen dürfte bei mir eher wie eine orthopädische Maßnahme wirken. Für die Produktpalette im Hot Dogs fehlt mir letztlich alles: Das Hipster-Gen, der Schnäuzer, die Jugend, nicht zuletzt aber auch die Bereitschaft, tief in die Tasche zu greifen, denn Vintage-Produkte kosten (viel) Geld. Und so kaufe ich am Ende nur einen Schlüsselanhänger und kein Trikot, dafür kann ich klären, wie das Hot Dogs zu seinem Namen kam: „Das liegt an der Neonreklame“, sagt Noah, da es gab, bevor es den Laden gab: „Die habe ich mal in Münster auf nem Flohmarkt gekauft“.

Wer jetzt noch nicht genug hat, kann sich keine hundert Meter vom Hot Dogs den Rest geben. Dort betreibt Dirk die Vintage Gallery, die durch ein paar Stufen nach unten im Tiefparterre liegt. Die beiden, also Dirk und Noah, haben früher auch mal zusammengearbeitet, aber darüber reden sie heute nicht mehr so gern. In Dirks Welt gibt es ausschließlich Artikel aus dem vergangenen Jahrhundert, darin liegt auch der größte Unterschied zum Hot Dogs, denn dort führt Noah auch Taschen der Marke „Zirkeltraining“.

Neben Schuhen und Klamotten gibt es in der Vintage Gallery auch Maskottchen längst vergangener Welt- und Europameisterschaften in einer wohl einzigartigen Hülle und Fülle. Man sollte sich aber auch hier nicht zu früh freuen: Nicht alles, was ausgestellt wird, wird auch verkauft. Und wer denkt, dass er hier einen Schnapper machen kann, der irrt gewaltig, denn für einen Anzug von der WM 74, Farbe Zahnarztkittelgrün, wird mal eben ein vierstelliger Betrag aufgerufen.

Hamburg:
Hot Dogs, Marktstraße 38, 20357 Hamburg
Vintage Gallery, Marktstraße 27, 20357 Hamburg
„Basement Berlin“ und „44 Trikots“ in Berlin
Wenn Noah und Dirk sowas wie die Alteingesessenen sind, ist Ziad Gornasa einer der Youngster in der Szene. Während es in der Hamburger Marktstraße um die komplette Produktpalette an Vintage-Klamotten geht, spielen hier bei Ziad in erster Linie Trikots eine Rolle. Die „11FREUNDE“, die „Berliner Morgenpost“, die FAZ oder der oben erwähnte RBB, sie alle berichteten schon von dem 23-jährigen Berliner, der, wie die 11FREUNDE schreibt, „diese Leichtigkeit [hat], die man nur mit Anfang 20 haben kann.“ Bei einem Auslandssemester in Manchester besuchte Ziad den Vintage-Trikot-Giganten „Classic Football Shirts“ und nahm zwar kein Trikot mit nach Hause – „von Hertha und Barca, meinen Lieblingsvereinen, war nichts Interessantes in meiner Größe da“ –, aber die Frage, warum es sowas nicht in Berlin gibt.

Ziads Antwort befindet sich ein pausierendes Lehramts-Studium später (das aber noch abgeschlossen werden soll) in Berlin-Wilmersdorf in der Gasteiner Straße 8. Als ich den Laden betrete, ist Ziad gerade in Verhandlungen: Ein Kunde bietet einen Stapel Barcelona-Trikots an, die am Ende den Besitzer wechseln. Die Hälfte aller Ankäufe läuft direkt über die Theke oder per Online-Ankauf ab, die andere Hälfte über Händler und Kontakte. Nicht immer wird man sich einig, einmal scheitert der Deal an der Preisvorstellung, ein anderes Mal ist die Ware einfach uninteressant.

Nur etwa jedes vierte bis fünfte Trikot hängt am Ende in Ziads Laden, der weniger vollgestopft ist als die Konkurrenz im Norden. Während die Geschäfte im Schanzenviertel eher musealen Flohmarkt-Charakter haben, sieht es hier viel mehr aus wie in einem Kinderzimmer: Play-Station-Spiele hängen an der Wand, daneben ein paar Schals, am Spiegel kleben Panini-Bilder. Diese banale Ausstattung macht für die überwiegend jungen Menschen, die hier kaufen, offenbar den Unterschied aus, denn wichtig sei allen voran das Einkaufserlebnis, wie Ziad sagt: „Der Laden soll nicht nur ein Ort zum stumpfen Einkaufen sein, sondern eine Art Zeitreise in alte Zeiten.“ Und dass diese „alten Zeiten“ bei ihm weniger weit zurück liegen als bei mir, ist wohl der Gnade seiner späten Geburt geschuldet.

Dass Retro nicht nur an der Stange hängen darf, weiß man auch sieben Autominuten entfernt. Wo anderorts Hinweisschilder vor bissigen Hunden warnen, ist es hier der bitterernste Blick meines früheren Lieblings-Wrestlers „Undertaker“, der die Kundinnen und Kunden strammstehen lässt. Der Laden in der Rheinstraße 26 erinnert etwas mehr an die Kollegen aus Hamburg, nicht, weil er so vollgerammelt ist, sondern weil es hier neben Vintage-Klamotten auch Schuhe gibt.

Aber eben auch Trikots, allen voran die der heimischen Hertha. Vielleicht oder gerade deshalb besteht zu Ziads 44Trikots ein „sehr gutes, kollegiales Verhältnis“ besteht, wie Ladenbesitzer Basti sagt – „Herthaner halten zusammen“. Und wer jetzt Angst vor dem Undertaker haben sollte: In dessen unmittelbarer Nähe sitzt Gordon Shumway aka Alf und lächelt – natürlich trägt er ein Hertha-Trikot.

Berlin:
44 Trikots, Gasteiner Str. 8, 10717 Berlin
Basement Vintage, Rheinstraße 26, 12161 Berlin
Seit März gibt es in Hannover „Nanos Footballjerseys“
Den Anspruch, mehr als nur irgendein Trikot-Store zu sein, der alte Leibchen verkauft, hat auch Manuel Said aus Hannover. „Der Laden soll ein Ort für Begegnungen und Gespräche werden“, sagte er im März der HAZ, im selben Monat eröffnete er sein Geschäft in der Deisterstraße.

Manuel könnte der beste Freund von Ziad sein, vielleicht sogar der große Bruder. Mit 25 Jahren ist er etwas älter als der Berliner, das Studium (Informationsmanagement) hat er bereits abgeschlossen, sein 25 Quadratmeter großes Geschäft ist ein Spiegelbild von Zaids Laden, nur eben mit Hannoveraner Attitüde: An der Wand hängt hier Sergio Pinto statt Marcelinho, die Playstation darf aber auch in der Landeshauptstadt nicht fehlen.

Manuel hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Auf Flohmärkten und im Internet suchte er Trikots vergangener Zeiten, offensichtlich wurde er auch fündig: „Mein Kinderzimmer war rappelvoll – es war eher ein Lager mit Bett“, erzählte der defensive Mittelfeldspieler des TSV Berenbostel der HAZ im obengenannten Bericht. Als er im Frühjahr 2025 einen Pop-Up-Store in Linden eröffnete, gingen binnen sechs Stunden 400 Trikots über die Ladentheke – der Startschuss für den Traum vom eigenen Laden, der ein Jahr später in Erfüllung gehen sollte.

Nanos Footballjerseys – „Nano“ ist Manuels Spitzname – ist bei meinem Besuch brechend voll, die Käuferinnen und Käufer sezieren die Kleiderstangen, auf denen Trikots ab 20 Euro hängen. Das bezahlt man aber natürlich nicht für ein Statement-Peace, „für das Otto-Addo-Trikot von Hannover 96“, heißt es in dem HAZ-Bericht, „seien 300 Euro fällig“.
Hannover:
Nanos Footballjerseys, Deisterstraße 31, 30449 Hannover
Würzburgs bester Fußball-Ort
Die Geschichte von Ghaith Mousa aus Würzburg ist von allen Vintage-Trikot-Händlern sicherlich eindrucksvollste. „Mein Vater hat mich mit Trikots belohnt, wenn ich in der Schule gut war“, sagt er in einem Artikel der Mainpost, „es gab nichts Schöneres.“ Es könnte ein Märchen von rund 400 Trikots sein, die auf diese Weise seinen Besitz gekommen sind und die Ghaith Mousa nun Händler-Kontakte ermöglichen, die er ausstellt oder einfach verkauft, aber die Geschichte ist eine andere: Die Trikots mussten in Syrien bleiben, als er aus seiner Heimat floh: „Unser Haus wurde komplett zerstört. Wir sind einfach geflüchtet und haben alles zurückgelassen“, berichtet der 30-Jährige in dem obengenannten Bericht.

Wie bei Ziad hatte auch bei „Mo“ der Global Player „Classic Football Shirts“ seine Finger bei der Unternehmensgründung im Spiel: „Ich dachte mir: ‚Nein, ihr übernehmt hier nicht. Ihr seid überall in Großbritannien, ihr geht in die USA. Und wir gucken nur zu’“, erzählt er der Mainpost und traf einen Entschluss: „Du musst zugreifen. Sonst macht es jemand anderes und du ärgerst dich.“

Das muss er nicht, denn seit September 2024 hat „Mo“ seinen eigenen Laden an der Juliuspromenade. „Ich kann kaum glauben, dass ich das in Vollzeit mache. Das ist wie ein Traum“, sagte er der Mainpost. „Internationale Kontakte“ sind die Basis für seinen Trikot-Bestand, darüber hinaus gelingt hier aber noch etwas viel Wichtigeres. „Ich hatte in Deutschland immer das Problem, dass die Leute verängstigt sind. Es gibt immer eine Grenze zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen“, sagt „Mo“, aber der Fußball, so die Mainpost, „bringe alle zusammen“: „Ich kann mit jedem plaudern. Egal, ob das ein kleines Kind ist oder ein alter Mann mit über 70 Jahren.“
Würzburg:
Modez, Juliuspromenade 48, 97070 Würzburg


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