„Die Sache morgen“, sagt Sebastian bei unserem Telefonat, „wird nichts Großes“. In der Düsseldorfer Kö wird es für einen Tag einen Pop-Up-Laden mit Vintage-Trikots geben, eine Veranstaltung, die Sebastian organisiert hat und die zugleich dazu dienen soll, wieder Leben in die Einkaufsgalerie zu bekommen. Der stationäre Einzelhandel krankt. Zwischen 2010 und 2025 sank die Anzahl der kleinen Einzelhandelsgeschäfte um knapp 30 Prozent. „Es braucht mehr Pop-up-Konzepte“, fordert die Seite Creditreform.de, also genau das, was Sebastian in der Kö vorhat – und etwas, was für Sebastian „nichts Großes“ ist.
Normalerweise denkt Sebastian in anderen Dimensionen. Zu den von ihm ins Leben gerufenen Fußball-Börsen kommen bis zu 1 500 Menschen, ob in seine Heimat Duisburg, nach Moers, Neuss, Köln, jüngst nach Frankfurt oder nach Berlin und Hamburg als Teil einer Messe. Sie folgen einem Trend, denn Trikots gehören inzwischen zur Alltagskleidung. Die Vogue titelte bereits 2014: „How Rihanna, Jay-Z, and Cheryl Cole are taking Sports Jerseys to the Street“, die 11FREUNDE widmete dem Phänomen in ihrem Spezial 2/2024 einen ganzen Artikel. Die Jerseys sind emotional aufgeladen, deshalb verkaufen sie sich so gut. Denn Trikots, erklärt Mia Guethe in einem 11FREUNDE-Bericht, „können wortlos ganze Saisons nacherzählen“.
Trikots muss man nicht bügeln
Im normalen Leben ist Sebastian Autoverkäufer. „Noch“, betont er, denn die Kündigung liegt schon auf dem Tisch seines Arbeitsgebers. Das, was er jetzt nebenbei macht, soll zukünftig sein Beruf werden. „Ein Jahr Zeit gebe ich mir“, sagt der Fan von 1860 München, der schon seit Kindheitstagen ein Faible für Trikots hat: „Dass ich Trikots auch privat getragen habe, hat meine Mutter immer unterstützt – allein schon deshalb, weil sie die nie bügeln musste.“ Inzwischen besitzt er über 200 Jerseys, dabei hätten noch einige mehr sein können: „Als ich in meinen wilden Zwanzigern Geld zum Feiern brauchte, habe ich einige Raritäten verkauft“, berichtet Sebastian, „schade drum, aber die Partys waren es wert.“
Bei der Fußball-Sammlerbörse in Erftstadt kam ihm die Idee, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen: „Ich bin da mit meinem Onkel hingegangen, weil wir mal wieder etwas zusammen machen wollten“, erinnert sich Sebastian. „Ich komme da rein und erwarte nichts – und dann spüre ich sofort diese Emotionen!“ Dass der 40-Jährige den Altersschnitt der Veranstaltung gravierend nach unten drückt, wirft in ihm eine Frage auf: „Warum gibt es so etwas nicht auch für junge Menschen, mit DJ und geilem Catering?“
Zuhause setzt er sich vor ein leeres Blatt Papier und schreibt seine Ideen auf. Die Vision: Ein Ort, der Vater, Sohn und Großvater gleichermaßen abholt, ein Ort, an dem der Fußball das verbindendes Element ist. Das gemeinsame Erlebnis mit seinem Onkel wird dabei zum Credo: „Wir verbringen viel zu wenig Zeit mit den Menschen, die uns lieb sind, immer ist etwas anderes“. Neben der Leidenschaft zum Trikot hilft ihm dabei, dass er Leute gerne zusammenbringt: „Netzwerken, das ist mein Ding!“
Es geht nicht nur um Vintage-Trikots
Auf seinen Fußball-Börsen gibt es aber nicht nur Trikots zu entdecken: Trikot-Rahmen, hochwertige Sitzmöbel, spezielle Wandhalterungen. Ein Treffen von Gleichgesinnten, die gemeinsam eine gute Zeit haben und die Fußball-Kultur feiern wollen: „Die Stimmung bei diesen Events ist einmalig“, sagt Sebastian, „da gibt es keinerlei Aggressionen, auch wenn der Schalker neben dem Dortmunder steht.“
Und dann ist endlich morgen und ich mache mich auf nach Düsseldorf, um zu sehen, ob die lebenserhaltene Maßnahme für den Einzelhandel greift. Ich parke das Auto in der Tiefgarage, fahre mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock der Kö, steige aus und sehe eine Menschenschlange, die bestimmt einhundert Meter lang ist. Das ist also Sebastians Definition von „nichts Großes“: Eine Veranstaltung, die am Ende des Tages über 800 Menschen in die Kö gezogen hat. Wie viele es beim nächsten Mal sein werden, ist noch nicht abzusehen. Am 4. Oktober gastiert die Vintage-Fußball-Börse in Leipzig, um dort den Osten zu erobern.


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