„Gelegentlich bellt ein Hund, irgendwo gackert ein Huhn, Menschen aber hört und sieht man kaum auf den Straßen“ – so wird Erlinghausen in dem Buch Echte Liebe beschrieben. Knapp 1000 Menschen leben in dem Marsberger Stadtteil, der, wie es der Verweis auf Hund und Huhn schon erahnen lässt, ländlich geprägt ist und damit genau so, wie man sich einen Ort im Sauerland vorstellt. Und trotzdem besitzt Erlinghausen ein eigenes Stadion, in dem jahrelang Bundesliga gespielt wurde, wenn auch nur in der „Bundesliga des Sauerlandes“, Bezirksklasse Gruppe 5, wie es auf der Vereinsseite heißt. Dass der SV Rot-Weiß Erlinghausen in den Nullerjahren sogar in der Champions League Westfalens auflief und die Landluft auch ein bisschen nach richtiger Bundesliga riecht, hängt mit einem Namen zusammen, nach dem das Stadion des SV Rot-Weiß Erlinghausen benannt ist: Watzke.
Spätestens seit der Dortmunder Meisterschaft 2011, allerspätestens seit der Double-Saison ein Jahr später, hat man von der Verbindung zwischen Erlinghausen und Hans-Joachim Watzke schon mal gehört oder meint, zumindest davon gehört zu haben. Hans-Joachim Watzke, den alle nur „Aki“ nennen, wurde im Februar 2005 während der größten BVB-Krise der Vereinsgeschichte zum Geschäftsführer ernannt, konnte die Insolvenz abwenden und den Verein sanieren. Mit den drei Titeln und dem Champions League-Finaleinzug 2013 war das „Fußball-Märchen“ (WAZ) so richtig rund und Jürgen Klopp und „Aki“ Watzke wurden zu den prägenden Gesichtern dieser Ära. Auch die, die es nicht wissen wollten, konnten nun Kloppos Auftritt in Mike Krügers Spielshow „Verlieren Sie Millionen“ sehen, wussten, dass Watzke aus dem Sauerland kommt und mussten davon ausgehen, dass es an der Uni Dortmund einen Studiengang für angewandte Sprachwissenschaften gibt, so hartnäckig wie Klopp und Watzke das Adjektiv „vergnügungssteuerpflichtig“ im deutschen Vokabular zu etablieren versuchten. Und so sehr das einem irgendwann auf die Nerven ging, war man den beiden Männerfreunden doch dankbar: Für den Gegenpol zum dauerdominanten FC Bayern. Für eine klare Position gegen Leipzig oder Hoffenheim. Und dafür, dass man im Fußball seine Träume noch leben kann.
Der Name Watzke hat Erlinghausen bekannt gemacht
„Hans-Joachim Watzke war ein unauffälliger, unbekannter Mann, der in der sauerländischen Provinz redlich seiner Arbeit nachging“, hieß es wenige Wochen nach dem Auftakt von Watzkes Rettungsmission. Von jenem Hans-Joachim Watzke, den damals (noch) keiner kannte, berichtete die WELT im April 2005 unter dem Titel „Ein Sauerländer entdeckt die neue Welt“. 1990 hatte „Aki“ Watzke im Alter von 30 Jahren die „WATEX Schutz-Bekleidungs-GmbH“ gegründet, „mit einem alten Gabelstapler für 800 Mark und zwei Mitarbeitern“, 2003 waren daraus 21 Millionen Euro Umsatz und 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geworden. „Ich bin es gewohnt, mit kleinem Budget auszukommen und etwas aus dem Nichts aufzubauen“, sagte Watzke damals und setzte mit dem BVB um, was er mit seinem Unternehmen bereits vorgemacht hatte. Und obwohl „Aki“ Watzke damit auch den SV Rot-Weiß Erlinghausen über die Grenzen des Sauerlandes hinaus bekannt gemacht hat, trägt das Stadion in der Schulstraße nicht seinen Namen, sondern den seines 2014 verstorbenen Vaters Hans Watzke.
„Früher war Hans Watzke hier die bekannteste Persönlichkeit im Dorf. Heute ist es der Aki. Es wird nicht mehr lange dauern, dann benennen sie wohl auch nach ihm eine Straße.“
Aus einem Artikel der BILD-Zeitung, September 2017
Wenn man aus Marsberg-Erlinghausen, Marsberg Downtown oder sonst woher aus dem Sauerland kommt, gibt es zwischen dem Bekanntkeitsgrad von Hans Watzke und seinem Sohn „Aki“ so gut wie keinen Unterschied. Hans Watzke war Politiker, seit 1958 Mitglied der CDU, von 1964 bis 1974 Kreistagsabgeordneter, von 1981 bis 1985 Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Hochsauerland und saß fünfzehn Jahre lang im Landtag Nordrhein-Westfalens – Aufzählung unvollständig. „Für diese über 3 Jahrzehnte getragene politische Verantwortung“, so die Vereinschronik des SV Rot-Weiß Erlinghausen, „wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.“
Dass sein Sohn „Aki“ ebenfalls Christdemokrat ist, ist nicht die einzige Parallele in dieser Vater-Sohn-Beziehung, denn Hans Watzke war nicht minder fußballbegeistert wie sein Sohn. „Seine große Leidenschaft“, heißt es in Hans Watzkes Nachruf aus der Westfalenpost, „[galt] dem Fußball, vor allem seinem Heimatverein Rot-Weiß Erlinghausen“. 33 Jahre war Hans Watzke erster Vorsitzender des Vereins, bis sein Sohn das Amt von ihm übernahm und den großen Wunsch des Vaters, den Aufstieg Westfalens Königsklasse (von 2004 bis 2008, damals Verbandsliga, später Westfalenliga), Wirklichkeit werden ließ. Kaum der Rede wert, dass beide Watzkes trotz schwarz-gelbem Herzen – Hans Watzke hat „Aki“ im Mai 1966 zum ersten Mal mit zum BVB genommen – auch für die Rot-Weißen spielten. Nicht umsonst sagt „Aki“ Watzke in Echte Liebe, der von Michael Horeni verfassten Watzke-Biografie: „Niemand hat mich so geprägt wie mein Vater.“
Der Verein wurde zu Hans Watzkes zweiter Familie
Hans Watzke wurde 1932 in Bochum geboren. „Durch den Krieg verlor er als junger Mensch seine Geburtsheimat Bochum und gewann seine Wahlheimat Erlinghausen“, heißt es in der Vereinschronik, das Buch Echte Liebe wird präziser und berichtet davon, dass Hans Watzke während des Krieges „mit der Kinderlandverschickung in das Gebiet des heutigen Tschechiens“ gebracht wurde, von dort „abhaute“ und sich als 13-Jähriger auf Güterwaggons und „langen Fußmärschen“ bis ins Sauerland durchschlug. Dort nahm ihn seine Stiefmutter auf, Hans Watzke war als 12-Jähriger zum Vollwaisen geworden.
Zur Familie wurde aber auch der SV Rot-Weiß Erlinghausen. Mit 13 spielte Hans Watzke in der Jugendmannschaft des Sportvereins, mit 17 bei den Senioren, später noch bei den Alten Herren. Parallel dazu lenkte er seit 1962 die Geschicke der Rot-Weißen. Dass ihm als gelernten Maurer, der durch die Kinderlandverschickung auch ohne Abitur studieren konnte und so Diplom-Ingenieur und Geschäftsführer einer Tief- und Straßenbaugesellschaft werden konnte, die Erlinghäuser Sportanlage besonders am Herzen lag, ist evident: „Der Sportplatzausbau von 1970 in Erlinghausen [war] von der Planung bis zur Ausführung sein Werk“, weiß die Vereinschronik. Seit 1931 ist der Platz auf den Hudewiesen die Heimat des SV Rot-Weiß Erlinghausen, 1971 wurde er zum Ascheplatz ausgebaut, seit Sommer 2000 spielt man im ehemaligen „Hude-Stadion“ auf Kunstrasen und vor einer neugestalteten Tribüne. Den Namen Hans Watzkes trägt das Stadion seit 2014.
Der Watzke-Club wird auch ohne Watzke der Watzke-Club bleiben
Im März 2023 trat „Aki“ Watzke nach 28 Jahren als Vorsitzender des SV Rot-Weiß Erlinghausen zurück und wurde, wie schon sein Vater, zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Trotzdem wird der Verein in den Medien immer wieder zum „Watzke-Club“. Und auch wenn das Clickbaiting par excellence ist, wird der Klub auf ewig mit dem Namen „Watzke“ verbunden bleiben: Der Trikotsponsor ist Watzkes Firma, die durch Anette und André Watzke vertreten wird, der Obmann der „Alten Herren“ wohnt im Hans-Watzke-Weg und der Verein spielt im Hans-Watzke-Stadion. Das Schönste an der ganzen Sache ist aber, dass in Erlinghausen durch den Namen Watzke eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt wird, für die Michael Horeni die allerbesten Worte gefunden hat: „Fußball, das ist oft auch eine unausgesprochene Liebe zwischen Vätern und Söhnen.“
Anschrift: Hans-Watzke-Stadion, Schulstraße 4a, 34431 Marsberg-Erlinghausen
Internet: sv-rot-weiss-erlinghausen.de














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