Wenn ich ein Haar auf der Fußmatte suchen müsste, dann wäre es die Geräuschkulisse. „Ha! Ho! Heja heja he!”, dröhnt es aus den Lautsprechern, und wieder: „Ha! Ho! Heja heja he!” Dann trällert die Weltmeistermannschaft von 1974 los: „Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt. Wir kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor nach dem andern fällt.“ Trevor Wilson, einer der Gründer der Seite fc45.de, findet das Lied „großartig“ und sieht es als „ersten und besten Versuch“ aller Nationalelfsongs. Und Gunnar Leue, Autor des Buchs Football’s coming home – Die größten Momente der Fußballpopgeschichte, sekundiert: „Eine Stimmungskanone, die jedes Schützenfestzelt zum Einsturz gebracht hätte“. 15 Minuten am Stück ist es allerdings nur schwer zu ertragen.
So lange brauche ich, um den Bus der Weltmeistermannschaft von 1974 im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart abzulichten – und da ist bedauerlicherweise das zweite Haar auf der Fußmatte –, leider ist das nicht der Original-Bus. „Daimler-Ingenieure haben den Omnibus O 302 detailgetreu nachgebaut“, schreibt Bernd Sautter in Fußballheimat Württemberg, „weil die Originale verschwunden sind“. Sautter erklärt: „Die 16 Sondermodelle, die für die Mannschaften des Turniers im Einsatz waren, wurden ans Werk zurückgegeben und weiterverwendet“, die Tafel im Museum bestätigt: „Der Verbleib des Originals, nach der WM noch jahrelang als Reisebus im Einsatz, ist ungeklärt“.
Eigentlich ein Bus ohne Komfort
Als Kind der Achtzigerjahre wundert mich das nicht, denn hier im Bus kommt mir alles seltsam bekannt vor: Das schlichte Muster der Sitze, die hochklappbaren Armlehnen, dazu die Häubchen an den Kopfenden, die an die Badekappe meiner Oma erinnern. Der Bus, der uns früher in die Schule beförderte, sah ganz genauso aus. Und auch wenn auf der Tafel im Museum von „luxuriöse[n] Mannschaftsbussen“ die Rede ist, so war die Zeit doch eine andere: Der Mannschaftsbus der Weltmeistermannschaft von 2014, der über Jahre im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund stand (und in dem die Spieler nach ihrer Rückkehr aus Brasilien ganze 23 Minuten lang saßen, um vom Flughafen Berlin-Tegel nach Moabit zu fahren und dort auf einen offenen Truck umzusteigen), weist nicht nur deutlich mehr Pferdestärken auf (476 im Vergleich zu 240, sticht), von Fernsehern und gepolsterten Ledersitzen wagten Beckenbauer und Co nicht zu träumen.
Dass es beinahe doch noch einen Originalbus gegeben hätte, wäre der Mannschaft aus Haiti zu verdanken gewesen. Die waren, wie der Kicker während der WM 1974 schrieb, „wegen eines Missverständnisses“ davon überzeugt, den Bus mit nach Hause nehmen zu dürfen. Daimler Benz dementierte das Gerücht, Haiti fuhr bei seiner bislang einzigen WM-Teilnahme punktlos nach Hause. Und auch nicht in einem Omnibus O 302 von Mercedes.
Anschrift: Mercedes-Benz-Museum, Mercedesstraße 100, 70372 Stuttgart
Internet: mercedes-benz.com/de/kunst-und-kultur/museum/
























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