11mm-Fußballfilmfestival, Berlin

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11mm Fußballfilmfestival, Berlin

Wenn eine Sache professionalisiert wird, dann bedeutet das in den seltensten Fällen, dass etwas besser wird. Das Sinnbild aus dem Bereich des Fußballs ist wohl Jürgen Klopp: Neue Haare, neue Zähne, der Bauch ist weg und als wäre das nicht genug, ist er auch noch Head of Global Soccer beim größten Sündenfall des modernen Fußballs. „Ich bin die beste Version von mir selber, die ich kenne“, sagte der Selbstoptimierer im Juli 2023 im Podcast Hotel Matze. Schon irgendwie bewundernswert, dass Klopp sein Image als „The normal One“ noch immer aufrechterhalten kann.

Als wir zum ersten Mal beim 11mm-Filmfestival waren – und das ist inzwischen schon über zehn Jahre her –, da war die ganze Veranstaltung von einem Zauber umgeben, der aus einer vollkommenen Unvollkommenheit bestand. Das Kabel des Mikrofons, mit dem Fußball-Kommentator Kai Dittmann moderierte, war zur kurz, sodass die Gespräche immer ganz rechts auf der Bühne stattfinden mussten. Auf E-Mail-Anfragen bekamen wir nur selten eine Antwort und als wir überpünktlich vor der Veranstaltung eintrafen, um uns frühzeitig Tickets zu sichern, war im Babylon-Kino überhaupt noch nicht zu erkennen, dass hier in zwei Stunden ein Fußballfilmfestival stattfinden wird – schon gar nicht das „weltweit älteste und bis heute größte Filmfestival, das ausschließlich Fußballfilme zeigt“, wie es auf der Seite dfb-stiftung.de heißt.

Das Babylon-Kino war jahrelang die Heimat des 11mm-Fußballfilmfestivals

Allein das Babylon-Kino aus dem Jahr 1930, das sich direkt neben der Volksbühne befindet und gerade mal fünf Minuten vom Alexanderplatz entfernt liegt! Manchmal wurde vor den Filmen auf der Kinoorgel gespielt, „die einzige, in Deutschland am originalen Standort erhaltene“, wie die Webseite des Kinos erklärt. Die Gäste waren nahbar, ob Fußball-Experte Raphael Honigstein, der Blogger Frank Baade oder eben Kai Dittmann. Und wenn die COPA-Werbung vor den Filmen über die Leinwand lief und die Kinderstimme im Spot sagte: „Football is the best game in the world“, da schoss es durch meinen Körper. „Ich habe sie geliebt“, lautet der Titel eines französischen Spielfilms aus dem Jahr 2009 und ja, ich habe mich verliebt bei meinem ersten 11mm-Filmfestival vor 13 Jahren.

Umso mehr habe ich mich gefreut, als es endlich wieder da war. Corona hatte für einen Bruch in der Festivalgeschichte gesorgt, die bereits 2004 mit dem Thema „Fußballfilme aus England“ begann und bis 2020 ununterbrochen stattgefunden hatte. 2021 gab es gar kein Festival, 2023 und 2024 auch nicht, weil das Team neu aufgestellt werden musste, wie Birger Schmidt erklärt. Er sitzt in der Festivalleitung, hatte vor über zwanzig Jahren die Idee eines Fußballfilmfestivals und ist der Letzte, der aus dem Gründungsteam von 2004 noch dabei ist.

Der Verein Brot & Spiele ist ein Treffpunkt von Kulturbegeisterten und Sportfans, die in Berlin und Europa sport- und fußballkulturelle Events organisieren.

Der Ausrichter des Festivals, der Verein Brot & Spiele e. V., über seine Ausrichtung

Eine (weitestgehend) neue Mannschaft ist nicht das Einzige, was sich verändert hat: Mit der Drosos-Stiftung konnte ein weiterer Förderer gewonnen werden, deutlich spürbarer ist aber die räumliche Veränderung des Festivals. Das Colosseum in der Schönhäuser Allee wird „mindestens für die kommenden zwei Jahre“ die neue Heimat des 11mm-Fußballfilmfestivals werden, wie Birger Schmidt sagt. Die Abkehr vom historisch aufgeladenen, aber räumlich beschränkten Babylon-Kino mag für eingefleischte 11mm-Fans ein harter Schlag gewesen sein, dabei ist der neue Austragungsort, das Colosseum an der Schönhäuser Straße, nicht minder traditionsreich. 1894 wurde das Areal erst als Pferdewagenhalle, später als Busbahnhof genutzt, seit 1924 werden hier (mit kurzen Unterbrechungen) Filme gezeigt. Zu DDR-Zeiten hatte es zwischen 1957 und 1963 einen hohen Stellenwert als „Premierenkino“ und erzählte nach der Maueröffnung eine vielschichtige Geschichte von zahlreichen Betreiberwechseln, die während der Pandemie in der Insolvenz endete. Dass das Kino eine Zukunft haben muss, sahen zu Corona-Zeiten fast 12 000 Menschen so – und unterzeichneten eine entsprechende Petition. Dennoch bleibt die Zukunft des Colosseums ungewiss, wie der Tagesspiegel jüngst berichtete, da ein Investorendeal in letzter Minute scheiterte.

Neben den Rahmenbedingungen hat sich aber auch der Fußballfilm in den letzten Dekaden gewandelt. „Früher dominierte der klassische Sportfilm über Siege, Niederlagen und Heldenfiguren der Teams“, weiß Birger Schmidt, „mittlerweile geht es mehr um biographische Erzählungen, Coming-of-Age-Stories sowie politische und soziale Themen wie Migration, Identität und Vereinskultur.“ Hinzu kommt aber noch etwas ganz anderes, wie Jan Tilman Schwab erklärt. Er ist Filmwissenschaftler und hat mit dem Wälzer „Fussball im Film: Lexikon des Fußball-Films“ so etwas wie die Bibel, den Koran und den Tanach des Fußball-Films verfasst. „Streaming-Plattformen wie „Amazon Prime“, „DAZN“ oder „Netflix“ sowie Pay-TV-Sender wie „Sky“ [haben] den Fußballfilm entdeckt und geradezu inflationär ihre Kanäle mit filmischen Dokumentationen und seriellen Dokuformaten geflutet. Manche von denen sind sogar von den zu dokumentierenden Vereinen in Auftrag gegeben und finanziert worden. Die Machart dieser Formate profitiert zudem von einer Art Zweitverwertung der Ressourcen, was sowohl die Bildrechte an den Fußballszenen als auch viele der Mitwirkenden – wie Kommentatoren und Fußballexperten – betrifft.“ Was für den Fan vor dem Fernseher unterhaltsam sein kann, weil er Einblick in die Kabinen von Manchester City („All or nothing“) bis nach Duisburg („Mein Herz schlägt numa hier“) bekommt, ist für den Experten eine bedenkliche Entwicklung: „Darunter leidet die Qualität dieser Produktionen, die eine kritische Distanz oder fachliche Neutralität gar nicht erst beabsichtigen.“ Die Folge: „So ist die Quantität an Fußballfilmformaten jeder Art in den letzten Jahren nochmals gestiegen, während deren Qualität eher gesunken ist. Die Filmkultur als solche leidet jedoch unter einer zunehmenden Beliebigkeit im digitalen Zeitalter. Und das gilt auch für den Fußballfilm.“

Dem 11mm gelang 2025 glücklicherweise ein Neustart, nachdem es 2023 und 2024 nicht stattgefunden hat. 

Jan Tilman Schwab

Als 2021 die Macher des Fußball-Magazins „Der tödliche Pass“ ihr letztes Heft herausbrachten, verabschiedeten sie sich mit den Worten „Der Fußball ist nicht mehr der Fußball, der er mal war. Zumindest für uns nicht“. Dass das 11mm-Fußballfilmfestival nicht mehr mit meinem ersten – nämlich dem von 2013 – vergleichbar ist, ist evident: Das Genre Fußballfilm hat sich verändert, der Festivalort kam irgendwann an seine Grenzen, die Welt war einfach eine andere. Und dann spielte bei meinem ersten Besuch noch eine Rolle, was ich in meinem Buch „Der Zauber des heiligen Rasens“ als „die einzigartige Welt der ersten Male“ beschreibe: Die Magie, eine Sache zum ersten Mal zu erleben.   

Das 11mm-Fußballfilmfestival ist einer der wenigen Orte für Fußballkulturelle geblieben, der nicht durchkommerzialisiert wurde. Viel mehr noch: Das 11mm-Fußballfilmfestival ist überhaupt erhalten geblieben. „Die Corona-Pandemie und der damit einhergehende kulturelle Lockdown [hat] für die Welt des Fußballfilms ebenso verheerende Auswirkungen gehabt wie für die gesamte Kulturszene“, sagt Jan Tilman Schwab und erläutert: „Die vormals arrivierten Strukturen der Fußballfilmszene sind überall erschüttert worden. Nahezu alle Fußballfilmfestivals hatten Aussetzer oder gerieten ins Schleudern, keines kann mehr als ein jährlich stattfindendes Fußballfilmfestival gelten.“ Als Beleg nennt Schwab zwei Festivals, die er als „zwei der charmantesten“ bezeichnet: „Die ‚Fussballlichtspiele St. Gallen‘ und das ‚Shoot! – Copenhagen Football Festival‘ haben inzwischen gänzlich aufgegeben.“ Immerhin: „Mit dem ‚Screenshot – Open Air Fußballfilmfestival‘ in Wien [ist] auch wieder ein neues, äußerst charmantes Festival dazugekommen“, berichtet Schwab.

Die Vorfreude auf das 11mm-Filmfestival wächst täglich

Während die Zukunft des Colosseums ungewiss ist, gibt es für das 11mm konkrete Pläne: „Es wird eine zukunftsorientierte Erweiterung des 11mm-Festivals geben“, sagt Birger Schmidt, „mit einer Stärkung des jungen Publikums durch medienpädagogische Arbeit und der Sichtbarkeit junger Stimmen, unter anderem durch eigene Kurzfilme im Festivalrahmen.“ Wie viel davon schon in diesem Jahr umgesetzt wird, werden wir in zwei Wochen sehen. Meine persönliche Setlist steht schon.

Anschrift: Filmtheater Colosseum, Schönhauser Allee 123, 10437 Berlin

Internet: 11mm.de

Den alten Bericht zum 11mm-Fußballfilmfestival finden Sie unter diesem Link

Fotos aus 2025:

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