Tagesspiegel-Redaktion, Berlin

„Ist es das etwa?“, fragt Claus Vetter und hält das Exponat andächtig in seinen Händen, „doch, das muss es sein!“ Es folgt der Beleg: „Und hier unten steht ‚Zecke‘, das ist es!“, sagt der Sportchef des „Tagesspiegels“. Die Freude ist groß im Verlagsgebäude. Die Straßen sind noch nass vom leichten Regenschauer des Vormittags, aber jetzt strahlt die Sonne durch die Fenster.

Von der „Victoria“, dem Pokal, der heute im Deutschen Fußballmuseum steht und der den deutschen Meistern zwischen 1903 und 1944 verliehen wurde, gibt es die Legende, dass sie zu DDR-Zeiten unter einem Kohlehaufen in einem Ost-Berliner Keller versteckt worden sei. Das Kunstobjekt, das Claus Vetter in seinen Händen hält, hat eine andere Geschichte. Aber auch dieses Kunstobjekt galt als verschollen. Gewissermaßen.

Das Gemälde soll in der Tagesspiegel-Redaktion hängen – behauptet das Magazin 11 FREUNDE

„Um seinen Spitznamen auch offiziell tragen zu dürfen“, schreibt die 11FREUNDE in Ausgabe 223, „musste ‚Zecke‘ Neuendorf Künstler werden.“ Ulf Kirsten hatte Andreas Neuendorf während seiner Zeit in Leverkusen zur „Zecke“ ernannt, nachdem Neuendorf von einer solchen gebissen wird. „Zecke“ Neuendorf möchte den Spitznamen bei seiner Rückkehr zur Hertha auf dem Trikot tragen. Doch damit der Spitzname laut DFL-Statuten aufs Trikot darf, muss er zum Künstlernamen werden. „Also malte er Bilder“, erklärt die 11FREUNDE, sie tragen die Namen „Gesicht 2001“ und „Krikelkrakel 2001“. Beide werden laut „BILD“ für jeweils 200 Euro für einen guten Zweck versteigert, „eins hängt in der Zeitungsredaktion“, weiß die 11FREUNDE.

Gemeint ist die Zeitungsredaktion des Berliner „Tagesspiegels“, mit über 107 000 verkauften Exemplaren an Werktagen die Zeitung mit der „höchste[n] verkaufte[n] Auflage aller Zeitungen in Berlin“ (eigene Angaben). Aber bei meinen Kontaktversuchen hält man sich bedeckt. Anfragen bleiben unbeantwortet. In mir kommt das gleiche mysteriöse Gefühl auf, das ich am Sonntagmorgen bei Jonathan Frakes und seinen Fällen bei X-Faktor habe. Wahr oder falsch: Wurde das Exponat etwa nachts mit einer Schubkarre in Richtung Hackescher Markt gekarrt, so wie es 2017 mit der 100-Kilo-Münze aus dem Bode-Museum der Fall war?

Es gibt Vorschriften. Wenn Neuendorf ,Zecke‘ heißen darf, dann will morgen ein anderer Spieler ,Kommissar Rex‘ heißen.

Tom Bender, damaliger Manager der DFL

Am letzten Tag unserer kunstbeflissenen Bildungsreise gehen wir in medias res und direkt zum Askanischen Platz. Am Empfang macht man uns wenig Hoffnung: „Zecke“ Neuendorf? Noch nie gehört. Von einem Kunstgemälde? Auch nicht. Dabei hatte der Tagesspiegel im Sommer 2001 aufgeklärt, wie es zu Neuendorfs Ausflug in die Kunstwelt kam, von seiner damaligen Frau Vanessa, ihrer Staffelei und davon, dass die BILD-Redaktion in ihrem Artikel kräftig aufgerundet haben musste, denn „151 Euro hat ein Tagesspiegel-Redakteur für das ‚Gesicht 2001‘ gezahlt“.  

Die Dame am Empfang hat Mitleid mit uns und ruft in der Sportredaktion an. Ihr Gesicht strahlt wenig Zuversicht aus. Nach dem Telefonat legt sie den Hörer auf. „Die Kollegen können sich düster erinnern“, sagt sie, „das Bild ist aber nicht mehr da und keiner weiß, wo es sein könnte. Sie können trotzdem in den zweiten Stock fahren, da ist die Sportredaktion.“

Mit der anderen Leinwand, weil ich keinen Lappen hatte, hab ich immer den Pinsel sauber gewischt. Auf einmal sah das, wo ich den Pinsel sauber gewischt habt, besser aus als das, was ich gemalt habe.

Andreas Neuendorf

Hier treffen wir Claus Vetter. Er geht mit uns durch die Redaktionsräume und wiederholt die Aussage der Empfangsdame. Dann führt sein Weg wie ferngesteuert zu einem Schrank, zeitgleich ruft sein Kollege Sebastian einen Tagesspiegel-Artikel aus dem Jahr 2013 auf, der Neuendorfs Gemälde thematisiert: „Eines davon steht bis heute in einer dunklen Ecke des Tagesspiegel-Gebäudes“, heißt es dort.

Aber es steht nicht in einer dunklen Ecke. Es steht auf einem Schrank. Und Claus Vetter hält das Bild in den Händen, das auf Sebastians Monitor flimmert und von dem Vanessa Neuendorf sagte: „Kleinkinder kriegen so etwas besser hin“. Vetter stellt das Gemälde auf einen Tisch, wir machen Fotos. Und alle sind ein Stück weit ungläubig, dass die Mona Lisa des Berliner Fußballs „Gesicht 2001“ heißt und jahrelang die Redaktionsräume bewachte, bis es aus seiner Anonymität verschwand und auf einem Schrank im zweiten Stock des Berliner Tagesspiegels entdeckt wurde. Als die Sonne durch die Fenster strahlte.

Anschrift: Tagesspiegel-Redaktion, Askanischer Platz 3, 10963 Berlin

Internet: https://www.tagesspiegel.de/

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