Sport-Hotel Quickborn, Quickborn

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Sporthotel Quickborn, Quickborn

Als ich durch den langgezogenen Flur flaniere, fällt es mir gar nicht so schwer mir vorzustellen, wie Harald Irmscher und Martin Hoffmann hier lang schlichen, nachdem sie die Bundesrepublik Deutschland bei der WM 1974 mit 1:0 besiegt haben. Denn seither hat sich offensichtlich nicht so viel getan im Hotel-Restaurant Seegarten. Das riesige Schild mit der Aufschrift „Sport-Hotel Quickborn“, das man noch auf alten Postkarten sehen kann, musste zwar irgendwann weichen, aber der Flachbau hat sich äußerlich seit rund fünfzig Jahren nicht verändert. Und innerlich auch nicht, denn während anderswo Chipkarten die Türen öffnen, zieht mir der gewaltige Anhänger des Hotelschlüssels fast die Hose runter. Selbst die Dachlatte, die in meiner Schule am Schlüssel für die Sporthalle hängt, ist dagegen nur ein Bambusstäbchen.

„Ich wollte mein Hotel bekannter machen, deshalb kam mir die Idee mit dem WM-Quartier“, berichtet Theo Rebergen in einem Interview mit der 11FREUNDE. Rebergen war in den Siebzigerjahren Jazz-Pianist. Als das Hotel einen neuen Manager suchte, bewarb er sich um den Posten und wurde genommen, später kaufte er das Hotel. Und um es zum Sporthotel zu machen, brauchte es damals nicht viel: „Die Gäste konnten bei uns Tennis oder Billard spielen, es gab auch eine Kegelbahn. Und auf der anderen Seite lag der sehr gepflegte Fußballplatz des TuS Holstein Quickborn“, erzählt Rebergen. Eine gute Referenz war zudem der HSV, der zu Beginn der Siebzigerjahre gerne zur Spielvorbereitung nach Quickborn kam. Also bewarb sich Rebergen beim DFB – und erhielt den Zuschlag für die DDR-Nationalmannschaft.

Die Mannschaft der DDR liebte das Sporthotel Quickborn – und die Quickborner liebten die Mannschaft der DDR

Der es in Quickborn gut gefiel. „Die DDR-Mannschaft in Quickborn hatte sehr guten Kontakt zu den Bürgern von Quickborn. Die waren sehr neugierig, begrüßten die Mannschaft der DDR mit großer Sympathie“, weiß Ronald Reng, der für sein Buch „1974 – Eine deutsche Begegnung“ mit Spielern der Ost- und West-Seite sprach. „Diese Gastfreundschaft – die haben uns im Hotel jeden Wunsch von den Augen abgelesen“, sagte Joachim Streich vor Jahren der BILD-Zeitung. Wolfgang Seguin, der wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft mit dem 1. FC Magdeburg Europapokalsieger der Pokalsieger wurde, fand es in Quickborn „ganz wunderbar“. Und Harald Irmscher, der sich damals mit Martin Hoffmann ein Zimmer teilte, berichtet am Telefon: „Es war perfekt, für damalige Verhältnisse optimal!“ 

Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Die Rezeption schließt bei unserem Besuch nicht zur angekündigten Zeit um 22 Uhr ihre Pforten, hier ist bereits eine Stunde vorher niemand mehr zu sehen. Die Dusche ist kalt, die Fernbedienung des Fernsehers geht nicht und das Restaurant, das früher mal Uwe Seeler als Stammgast begrüßen durfte, ist „dauerhaft geschlossen“ (womit 33 Prozent des Hotelnamens ad absurdum geführt werden). Auf die Idee eines Entgegenkommens: Kommt niemand. Immerhin: Die Webseite, die aus einer Zeit kam, in der es noch kein Internet gab, wurde jetzt einem Relaunch unterzogen – und auch das Restaurant ist inzwischen wohl wieder geöffnet.

Als Jürgen Sparwasser das Tor machte, sprang die gesamte Truppe auf und schmiss mich samt Stuhl zu Boden. Die Stimmung war ab da extrem gelöst.

Theo Rebergen im Interview mit der 11FREUNDE

Dennoch – oder vielleicht gerade wegen seiner Authentizität – bleibt das Hotel-Restaurant Seegarten ein Ort besonderer Sportgeschichte. Als im deutsch-deutschen Duell die DDR die BRD mit 1:0 besiegte, sprang DDR-Mannschaftsleiter Willy Boldt nach dem Spiel vor Freude in den Hotelteich. „In der Nähe des Hotels gab es eine Diskothek“, erinnert sich Rebergen. „Die Spieler fragten am Abend nach dem Sieg gegen die BRD, ob sie dort mit den Zimmermädchen und Kellnerinnen feiern dürften. Und sie bekamen tatsächlich die Erlaubnis. Für eine Stunde. Aber nicht alle kehrten heim.“ Wolfgang Seguins Erinnerungen sind etwas taktierter: „Ist das für die Öffentlichkeit?“, fragt er mich, und als ich das bejahe, sagt er: „Wir waren alle kaputt und waren froh, als wir endlich schlafen gehen konnten.“

Alice gelangt ins Wunderland, indem sie einem Kaninchen folgt. Zum Sporthotel Quickborn kommt man, wenn man die Harksheider Weg entlang fährt, kurz abbiegt, einen der zahlreichen Parkplätze unmittelbar vor dem Hotel nimmt und die opulente Schiebetür durchquert. Harald Irmscher und Martin Hoffmann begegnen mir bei meinem Aufenthalt im Sporthotel Quickborn zwar nicht. Aber ansonsten ist das hier mehr Siebzigerjahre, als ich eigentlich wollte.

Anschrift: Sporthotel Quickborn (heute Hotel-Restaurant Seegarten), Harksheider Weg 258, 25451 Quickborn

Internet: hotel-restaurant-seegarten.de

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