Das kleine Geißbockheim im Kölner Zoo, Köln

Zu Tieren habe ich ein angespanntes Verhältnis. Bei der tiefenpsychologischen Analyse dieses Phänomens wird man in meiner landwirtschaftlich geprägten, frühkindlichen Phase fündig. Mein Opa brachte mir bei, wie man mit dem Luftgewehr Spatzen erschießt. Da war ich vier. Ungefähr im gleichen Alter habe ich realisiert, warum es wenig sinnvoll ist, eine Beziehung zu unseren Hasen aufzubauen. Erst saßen sie nicht mehr im Stall, dann lag das Fell in der Mülltonne und der Rest stand sonntags auf dem Tisch. Hühnern wurde vor meinen Augen der Kopf abgehackt. Dann flitzten sie noch eine Weile ohne Haupt über den Hof, bis sie einfach umfielen. Und wenn unser Dorfschlachter Ernst Rübeling im Januar das Haus betrat, wusste man, dass die Floskel „armes Schwein“ gleich Wirklichkeit werden würde.

Dass Tiere nicht in die Wohnung gehören, ist bei uns ein in Stein gemeißeltes Gesetz. Bei meiner ersten längeren Beziehung wurde ich daher ordentlich auf die Probe gestellt, als meine damalige Freundin ein Heim für Tiere hatte. Kein Tag verging ohne die Überlegung, die offenbar von Natur aus völlig überdrehten Kanarienvögel in die Freiheit und somit in ihren sicheren Tod zu entlassen. Meerschweinchen und Kaninchen haben das selbst erledigt und sich gegenseitig totgemobbt. Die Stellenausschreibung für jede weitere Frau in meinem Leben sah fortan eine gesunde Abneigung gegen jeden proteinhaltigen Kollegen vor.

Anfangs fuhr Hennes auch auswärts mit

Nur einen musste sie lieben: Hennes, Wahrzeichen des 1. FC Köln und dienstältestes Maskottchen der Bundesligageschichte. Im Gegensatz zu seinen niederen Stoffkollegen wie der ungemein hässlichen „Chemcat“ des Chemnitzer FC (die 2004 mit einem Stadionverbot belegt wurde), dem Uerdinger „Grotifant“ (Torhüter Carsten Nulle: „Dir trete ich das Elefantenkostüm vom Schädel!“) oder dem Gladbacher „Bumsi“, das sich in den Achtzigerjahren trotz vielversprechendem Namen nicht durchsetzen konnte, ein real lebendes Tier.

Bereits seit 1950 gehört der Geißbock zum Effzeh. Zum zweiten Vereinsgeburtstag überreichte der Cirkus Williams auf die Idee des Direktors Johann Thelen das Tier, das nach dem damaligen Spielertrainer Hennes Weisweiler benannt wurde. Hennes der I. entpuppte sich gleich als Glücksbringer, sieben Spiele in Folge blieb man ungeschlagen. Bis Anfang der Sechzigerjahre fuhr der Geißbock auch fast immer auswärts mit, ehe der Tierschutz, DFB-Gesetze und logistische Gründe nur noch Heimspiele gestatteten.

War es Gift aus Mönchengladbach, das Hennes den II. tötete?

Im November 1966 trat sein Nachfolger die zweite Amtszeit an. 16 Jahre hatte Hennes I. regiert und wurde unter anderem zweifacher Deutscher Meister. Auf lediglich vier Jahre (und einen Pokalsieg) brachte es Hennes der II., der an dem Biss eines Schäferhundes starb – auch wenn die Legende besagt, dass er von Gladbach-Fans vergiftet wurde. Während Hennes der III. ohne Titel blieb, ging Hennes der IV. als Double-Sieger in die Effzeh-Geschichte ein. Sein Nachfolger war der bislang letzte Geißbock, der mit dem Pokalsieg 1983 einen großen Titel gewinnen konnte. Hennes der VII. erlebte sogar vier Auf- und Abstiege, wen wundert es da, dass er an einem Freitag den 13. eingeschläfert werden musste. Seit 2008 ist der achte Geißbock im Amt.

Um ihn und seine sieben Vorgänger haben sich in über 60 Jahren viele Anekdoten ereignet. Hennes der VII. wurde bei der Serie SK Kölsch ermordet, Hennes der II. urinierte auf einen Ordner, nachdem ihn dieser am Schwanz gezogen hatte. Als Anhänger des Effzeh Fahnen der Gladbacher Ultras klauten, befürchtete man die Ermordung des Maskottchens als Racheakt. Heute hat Hennes sogar eine eigene Autogrammkarte.

Das kleine Geißbockheim bezog Hennes im Sommer 2014

Das Tier wohnte seit den Siebzigerjahren bei Wilhelm Schäfer und seiner Frau Hildegard auf der „Hennes-Ranch“ in Köln-Widdersdorf, seit Sommer 2014 hat Hennes „das kleine Geißbockheim“ im Kölner Zoo bezogen. „Das ist eine tolle Geschichte. Unser Maskottchen rückt ganz nah an die Fans, die es künftig besuchen können“, äußerte sich der damalige FC-Vizepräsident Toni Schumacher positiv zum Wohnortwechsel, Zoo-Vorstand Christopher Landsberg ergänzte: „Mit Hennes VIII. ist der Kölner Zoo um eine Attraktion reicher und die FC-Fans können ihr Maskottchen nun jederzeit besuchen. Wir werden dafür sorgen, dass er sich hier absolut wohlfühlen wird.“

„Wenn sie mir den Hennes wegnehmen, will ich nicht mehr leben“, sagte Hilde Schäfer noch 2008, als es erste Pläne gab, Hennes in den Kölner Zoo zu stecken. Sechs Jahre später gab sie ihre Einwilligung und erhielt eine Dauerkarte für den Zoo. Als der Effzeh im Mai 2018 zum sechsten Mal abstieg, verstarb Hilde Schäfer wenige Tage später.

Am 23. August 2019 feierte Hennes IX. sein Debüt gegen Borussia Dortmund. Bis zum Dezember 2020 sah er doppelt so viele Heimniederlagen wie Heimsiege. Hennes der VIII. ging zuvor aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand, unser Dorfschlachter aus altersbedingten. Kürzlich soll man ihn im Kölner Zoo gesehen haben.

Anschrift: Riehler Straße 173, 50735 Köln

Internet: https://www.koelnerzoo.de

Hinweis:

Unsere Fotos dürfen wir mit freundlicher Genehmigung des Kölner Zoos verwenden. An dieser Stelle möchten wir uns dafür herzlich bedanken!

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