Ich bin schon lange nicht mehr zehn Jahre alt, aber heute bin ich so nah dran an meiner Jugend wie schon ewig nicht mehr. Der frisch gemähte Rasen der Kasseler Hessenkampfbahn verbreitet einen Geruch, den nur Sportplätze verbreiten können, wenn sie gerade frisch getrimmt wurden. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, als wir jeden Tag auf dem Sportplatz unseres Dorfes verbrachten, gehörte dieser Geruch zu unserem Alltag. Und manchmal, das war dann die Perfektion, vermischte sich der Geruch mit dem Benzinduft des Rasenmähers unseres Platzwartes Dieter, wenn wir Training hatten und die Bälle aus dem engen Abstellraum des Sporthauses holten.
Auch ohne dieses unvergängliche Aroma aus meiner Kindheit ist die Hessenkampfbahn an diesem vollkommenen Frühlingstag eine gute Gastgeberin. Die Menschen joggen, spazieren, radeln an der Fulda entlang, die der Hessenkampfbahn auf der östlichen Seite eine natürliche Grenze setzt. Auf der westlichen ist das die Drusel, ein Zufluss der Fulda, aber alles überragend ist die Orangerie im Süden, die, so scheint es, zur Hessenkampfbahn gehört wie die links- und rechtsseitigen „flach ansteigenden und tribünenlosen Ränge“ (Das große Buch der deutschen Fußballstadien) oder die beiden Eingangshäuschen auf der gegenüberliegenden Hintertorseite. Dabei ist die Orangerie alles andere als ein Sporthäuschen, sie ist ein Schloss aus den frühen Tagen des 18. Jahrhunderts, das den Auftakt der Karlsaue bildet, Kassels innerstädtischer Parkanlage. Auch das Staatstheater, das Fridericianum oder die Documenta-Hallen befinden sich direkt um die Ecke, denn die Hessenkampfbahn liegt nicht, wie es die modernen, gleichgeschalteten Arenen heute tun, jenseits des Lebens auf dem peripheren Acker, sondern mitten in der Kasseler Innenstadt.
Die Hessenkampfbahn war ein Wunschkind vieler Vereine
„Nach dem Ersten Weltkrieg war man sich in Kassel darüber klar geworden, daß die kleinen Sportplätze der Vereine nicht ausreichten, und es entstand der Plan, die sog[egannte] Voraue zu einer großen, städtischen Kampfbahn auszubauen“, erklärt die HNA. Bereits 1919 „überreichte der damals gegründete Kasseler Stadtverband für Leibesübungen an den Magistrat der Stadt Kassel und die Stadtverordneten eine acht Seiten umfassende ‚Turn- und Sportvorlage‘, durch die die Erbauung einer großen städtischen Spiel- und Sportplatzanlage gefordert wurde“, heißt es in einem anderen Artikel derselben Zeitung. Als die Hessenkampfbahn nach nicht einmal zwei Jahren Bauzeit eingeweiht wurde – Spatenstich war der 23. Juni 1924 –, wollten „20 000 Zuschauer […] dabei sein, doch weil in der Hessenkampfbahn nur 7 000 Plätze zur Verfügung standen, stieg das Publikum auf die Dächer von Orangerie und Regierungsgebäuden, um einen Blick ins Stadion zu erhaschen“, schreibt Das große Buch der deutschen Fußballstadien über den 2. Mai 1926. Vorbild für den 336 000 Mark teuren Bau war das Hindenburgstadion in Hannover, Kassel trat damit „in die Reihe der Städte, die eine schöne Kampfbahn ihr Eigen“ nennen konnten, wie Sportfunktionär Carl Diem zur Einweihung mitteilte. Insbesondere im Ruhrgebiet schossen die Kampfbahnen während der Weimarer Republik aus dem Boden, die „Kampfbahn Rote Erde“ in Dortmund wurde ebenfalls 1926 eröffnet, die „Städtische Kampfbahn Viktoria“ in Recklinghausen 1920, die „Kampfbahn Katzenbusch“ im benachbarten Herten 1925, die „Kampfbahn Glückauf“ (Schalke) und die „Vestische Kampfbahn“ (Gladbeck) zwei Jahre später im Jahr 1928. Sie alle zeichneten sich dadurch aus, dass in jener Zeit „der Sportstättenbau noch vom Multispartendenken beseelt war“, wie Das große Buch der deutschen Fußballstadien erklärt. Eine Laufbahn ist für diese Anlagen ebenso obligatorisch wie sich eine dadurch ergebende Distanz zu den Rängen.
„Bei insgesamt vier Bombenangriffen 1941, 1942, 1943 und 1945 wurde die Hessenkampfbahn zerstört“, schrieb die HNA im Mai 1986, „20 Bombentrichter ließen bei Kriegsende nur noch wenig von den Anlagen erkennen“, blickte die Zeitung in ihrem Artikel zum 50-jährigen Bestehen des Platzes auf die Auswirkungen des Zweites Weltkrieges zurück. Die Laufbahn war völlig zerstört, die beiden Sporthäuser stark beschädigt. Am 15. August 1948 folgte die Wiedereröffnung, unter anderem mit dem „Fußballrepräsentivativspiel“ zwischen Kassel und Fulda. Zuvor fanden bereits Boxkämpfe in der Hessenkampfbahn statt, nachdem bereits im April 1946 mit den Aufräum- und Instandsetzungarbeiten begonnen wurde. Weitere Sanierungen folgten 1981 zur Bundesgartenschau und bis zum 60-jährigen Bestehen 1986, als u. a. die „vollkommen verrottet[en]“ Sitzbänke ausgetauscht wurden. Nicht nur im Rahmen jener Maßnahme wurden Bomben gefunden, auch 2018 wurden bei Sondierungsarbeiten Blindgänger entdeckt und unschädlich gemacht.
„Kassel hat […] eine Leichtathletiktradition wie kaum eine andere Stadt Deutschlands.“
HNA vom 8. November 1948
Insbesondere in der Leichtathletik hat sich die Hessenkampfbahn in ihren frühen Jahren „einen guten Ruf“ (Das große Buch der deutschen Fußballstadien) erworben. Auf der „schnellste[n] Kampfbahn Deutschlands“ (HNA) brach der Kasseler Leichtathlet Hermann Walpert den bis dahin bestehenden deutschen Rekord über 2 000 Meter (September 1926, 5:34, heute liegt er bei 4:52, aufgestellt von Thomas Wessinghage in 1982). Die „fliegenden Karlsruher“ des FC Phönix liefen hier am 19. September 1926 nach Angaben des Karlsruher Stadtlexikons die 4x 100 Meter in 41,9 Sekunden und stellten damit einen Europarekord für Vereinsstaffeln auf, in derselben Disziplin rannten Helmut Körnig, Georg Lammers, Erich Borchmeyer und Arthur Jonath am 14. Juni 1932 mit 40,6 Sekunden zum Weltrekord (heute 36,84 Sekunden, aufgestellt von Jamaika in 2012). „Unvergessen“, heißt es in der HNA vom 4. Mai 1996, „bleibt sicher der deutsche Rekord (48,8 Sekunden), den der Kasseler Max Danz am 4. September 1929 über die 400-Meter-Strecke lief.“ Dabei hat die Hessenkampfbahn die Besonderheit, dass ihr Naturrasen von einer Bahn umgeben ist, die 500 statt der üblichen 400 Meter misst. Das gesamte Areal ist von einer Hainbuchenhecke eingefasst.
Der Fußball spielte in der unter Denkmalschutz stehenden Kampfbahn eher eine untergeordnete Rolle, was einerseits daran lag, „dass sie selten einen Stammverein besaß“, wie Das große Buch der deutschen Fußballstadien schreibt, andererseits wurde 1953 das (größere) Auestadion eröffnet. Die goldenen Zeiten des KSV Hessen Kassel, allen voran die erste Hälfte der Achtzigerjahre mit dem beinahe Bundesliga-Aufstieg 1985, wurden rund drei Kilometer südlich der Hessenkampfbahn verzeichnet; nach 1945 waren der KSV, genauso wie der BC Sport Kassel und der CSC 03, „gelegentlich“ an der Orangerie untergekommen, nach dem Zweiten Weltkrieg spielten dort „bisweilen“ der SV Kurhessen und der SV Hessen 09.
Menschenmassen auf der Hessenkampfbahn beim Fußball und Feldhandball
Das bedeutet aber nicht, dass die Hessenkampfbahn keine großen Fußballspiele gesehen hätte. In den Dreißigerjahren trafen hier Borussia Fulda und der Dresdner SC aufeinander (1934, 0:0, 15 000 Zuschauende), Hanau 93 und Fortuna Düsseldorf (1936, 5:1, vor 10 000 Zuschauenden), Hanau 93 und Hannover 96 (1938, 1:3, 5 000 Zuschauende), der CSC 03 Kassel und Schalke 04 (1940, 2:5, 17 000 Zuschauende) oder die SV 06 Kassel-Rothenditmold und Schalke 04 (1943, 1:8, 20 000 Zuschauende, bis heute Besucherrekord). Alle Spiele fanden im Rahmen der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft statt, dabei kam der Hessenkampfbahn ihre günstige Verkehrslage zugute. Als „Krönung der Fußball-Begegnungen auf der Hessenkampbahn“ bezeichnete die HNA im Rahmen des 60-jährigen Bestehens der Hessenkampfbahn vor vierzig Jahren zwei Länderspiele des Arbeiterturn- und Sportverbandes (ATUS) – 1928 gegen England und 1931 gegen Österreich. In der „überfüllten“ (HNA) Spielstätte kamen gegen die Engländer 20 000 Interessierte, den Sieg der Gaumannschaft Hessens gegen Olympiasieger Italien (1936, 2:1) sahen 10 000 Zuschauende.
Auch zum Feldhandball strömten die Menschen an den Auedamm. 1937 besiegte das Deutsche Reich die Ungarn vor 15 000 Besucherinnen und Besuchern mit 20:5. 8 000 Menschen kamen zum Endspiel um die Deutsche Feldhandballmeisterschaft im Juni 1941 (SV Polizei Hamburg – MSV Hindenburg Minden, 9:7), dazu hatte Kassel mit der SV Harleshausen einen eigenen Handballverein, der in den Fünfzigerjahren selbst mehrfach um den Titel mitspielte und für den sich die Hessenkampfbahn regelmäßig als „zauberkräftige Schutzherrin“ erwies, wie die HNA im April 1955 schrieb, in der die SVH „noch kein einziges wichtiges Spiel“ verloren hatte. Unbesiegbar blieb die Mannschaft um den ehemaligen Nationalspieler Ottmar Sutter unter anderem gegen den THW Kiel (1954, 17:15, 10 000 Zuschauende), Göppingen (1954, 14:10, 10 000 Zuschauende) oder Dietzenbach (1955, 16:8, 8 000 Zuschauende). Heute liegt das Fassungsvermögen bei 6 000 Plätzen, die Hessenkampfbahn ist die Heimspielstätte der Kassel Titans, einem American Football-Team. Außerdem wird der Platz für Konzerte, den HNA-Yoga-Sommer oder Schulsport genutzt.
„Was den Sportler wundern wird: Die Hessenkampfbahn macht zuweilen sogar dem Flugplatz Calden Konkurrenz. Denn schwebt prominenter politischer Besuch per Hubschrauber nach Kassel, etwa Bundeskanzler Kohl, so heißt der Landeplatz: Hessenkampfbahn.“
HNA vom 12. Januar 1984
Das letzte Meisterschaftsspiel im Fußball fand am 28. August 2016 auf der Hessenkampfbahn statt, aus diesem Grund lechzen zig Groundhopper nach einer Partie an der Orangerie. Zum 100-jährigen Jubiläum wird daher am 1. Juni das Entscheidungsspiel zum Aufstieg in die Kreisliga A stattfinden. Vorbilder für die Initiatoren Matthias Schmelz und Jonas Schulte waren die Events von „Lost Ground Hop“, die rund 1000 Menschen an die „Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn“ in Rudisleben oder das „Stadion der Stahlwerker“ lotsten.
Die Hoffnung, dass weitere folgen werden, ist berechtigt, denn die Zukunft der Hessenkampfbahn steht seit diesem Jahr auf einem soliden Fundament: „Ein Erbbaurechtsvertrag zwischen dem Land Hessen und der Stadt Kassel stellt die Nutzung der historischen Sportstätte für die nächsten 60 Jahre sicher“, schreibt Radio FFH und beruft sich auf eine Aussage auf Kulturminister Timon Gremmels, der von einer „Win-Win-Win-Situation“ spricht. „Die Stadt Kassel zahlt einen Erbbauzins und übernimmt die Verantwortung für die Instandhaltung. Darüber hinaus darf die Stadt das Gelände untervermieten, was dem Landessportbund und anderen regionalen Sportorganisationen langfristige Nutzungsrechte sichert“, heißt es in dem Artikel.
In den Berichten über die Bombennacht vom 22. Oktober 1943 spricht die Webseite der Stadt Kassel von einer Katastrophe „apokalyptischen Ausmaßes“ und präzisiert: „Alliierte Fliegerverbände warfen in kurzer Zeit etwa 400 000 Stabbrandbomben ab. Sie zerstörten rund 80 Prozent der Gebäude, darunter fast die gesamte Altstadt.“ Zwischen 7 000 und 10 000 Menschen ließen ihr Leben, 97 Prozent der mittelalterlichen Altstadt waren zerstört. „Der ganze Himmel, Sascha, feuerrot!“, erzählte meine Oma immer von dieser Nacht, obwohl sie 50 Kilometer entfernt wohnte. Als Kassel in den Fünfzigerjahren wiederaufgebaut wurde, folgte man zweckmäßig moderner Architektur. „Mir will scheinen, dass Kassel an dieser Art des Wiederaufbaus krankt, weil es seine historische Gestalt verloren hat“, sagt der Historiker Jens Flemming in der Dokumentation Kassel im Feuersturm – als die Bomben den Tod brachten! Die denkmalgeschützte Hessenkampfbahn mit ihrer bis 1981 wiederaufgebauten Orangerie ist eine von wenigen Reminiszenzen an das alte Kassel. Sie gehört, wie auch Jonas Schulte in der Fußballheimat Hessen schreibt, „ohne jeden Zweifel zu den am schönsten gelegenen Sportanlagen in Hessen.“
Anschrift: Hessenkampfbahn, Auedamm 2, 34121 Kassel


























































Schreibe einen Kommentar