Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn, Rudisleben

Seit Jahren wartet die Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn darauf, dass der Sensenmann kommt. Bereits 2009 hieß es im Blog Fussball-in-Hessen: „Lange wird der Ground mit der wunderschönen Tribüne nicht mehr stehen, denn hinter dieser Tribüne rollen schon die Bagger an.“ Als Ende 2015 mit dem „Feuchten Elfmeter“ die Gaststätte ausziehen musste, die 42 Jahre(!) im Bauch der Tribüne angesiedelt war, schwangen die Abrissbirnen schon ihre Pendel. Und die Thüringer Allgemeine schlussfolgerte: „Die Tage des Sportplatzes in Rudisleben sind gezählt“.

Zwei Jahre später klang das im selben Verlag ein wenig anders, aber nach wie vor nicht sonderlich lebenserhaltend. Redakteur Michael Keller sprach von „Pläne[n], die denkwürdige Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn in Rudisleben mit ihrer alten Holztribüne abzureißen.“ Schnell traf sich die Hall of Fame des Rudislebener Fußballs für ein letztes Foto auf dem Sportplatz. Sie hätten aber noch Zeit gehabt, denn der „Gelegenheitshopper“ Michael Höller musste seinen Besuch in Rudisleben im Sommer 2018 nicht etwa deshalb canceln, weil das Dynamit langsam unter die Tribünenbänke geschoben wurde, sondern weil „ein Verrückter seine Freundin als Geisel genommen hatte“ – der unweit der Tribüne gelegene Haupbahnhof Erfurt wurde infolgedessen gesperrt.

Vielleicht werde ich dich, du göttlich schöne Holztribüne, nie mehr sehen können.

Michael Höller auf seinem Blog

Dass die Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn bisher nicht auf 11km.de gelistet war, lag einerseits an den eben dargelegten Abrissgerüchten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kampfbahn in der Kategorie „Gedenkminute“ landen würde, warum also einen Artikel verfassen? Andererseits gestaltete sich die Recherche schwierig, der Platz taucht nicht in den Standardwerken auf und Stadt und Verein reagierten nicht auf Anfragen. So musste der Zufall helfen, um an Informationen zu kommen. In unserem Fall ist das ein Artikel des „Arnstädter Stadtechos“ aus dem Jahr 2015, auch wenn der viel mehr auf die BSG Motor Rudisleben als auf deren Heimspielstätte eingeht.

Einweihung der Brauchitsch-Kampfbahn im Weltmeisterschaftsjahr

Die BSG Motor Ichtershausen-Rudisleben (entstanden aus dem Zusammenschluss der BSG Nafa Ichtershausen und der BSG Podjomnik Rudisleben) stieg 1954 in die drittklassige Bezirksliga Erfurt auf. Begünstigt wurde der sportliche Erfolg durch den Trägerbetrieb, die VEB Chema Rudisleben. „Da arbeiteten über 2000 Menschen, da konnte man auch ein paar Fußballer beschäftigen, die da so mitlaufen“, erklärt Werner Demuth, der den Artikel für das „Arnstädter Stadtecho“ schrieb. Entscheidend für die Veränderungen auf dem Sportplatz Rudisleben soll zudem der Direktor der russischen Militäradministration gewesen sein, der „ein Herz für den Fußball hatte“ (Arnstädter Stadtecho). Im August des Aufstiegsjahres wurde die Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn samt neuer Holztribüne eingeweiht, 3 000 Menschen sahen eine 1:3-Niederlage gegen den Erstligisten Motor Zwickau.

Vielleicht sorgte auch der Weltmeistertitel knapp einen Monat zuvor für ein wenig Fußballeuphorie, auch wenn die Meinungen an dieser Stelle auseinandergehen: Sowohl der DDR-Sportreporter Friedrich Karl Brauns als auch das langjährige Vorstandsmitglied von Lok Leipzig, Dr. Norbert Rogalski, erlebten die WM 1954 als junge Männer. Brauns sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Die Meisten in der DDR haben sich damals für die bundesdeutsche Auswahl entschieden und waren glücklich über das 3:2“. Rogalski erlebte in seinem thüringischen Örtchen eine andere Haltung, wie er auf Rotfuchs.net schrieb: „Überwiegend gehörte die Sympathie der ungarischen Mannschaft, zumal ihr Land zur sozialistischen Staatengemeinschaft zählte und auch aus diesem Grunde nicht wenig Zuneigung besaß.“

Er hat sich in jederlei politischer Hinsicht durchlavieren können. Er war immer bei denen, die das Sagen hatten.

Eberhard Reuß

In einem Dissens zwischen Ost und West befand sich auch der Namenspatron des Stadions, der am Tag der Einweihung nicht vor Ort war. Manfred von Brauchtisch war Rennfahrer, „ein Schumacher der Dreißigerjahre“ und „Begründer des Mythos der Silberpfeile“, wie es in einer Dokumentation heißt. Nachdem er 1953 festgenommen wurde und im Gefängnis Stadelheim einsaß, flüchtete er kurz vor der Gerichtsverhandlung in die DDR. Von Brauchitsch wurden Geschäfte mit der Ostzone, konkret Hochverrat, Staatsgefährdung und Geheimbündelei vorgeworfen. In der DDR avancierte er zum „Propagandaträger erster Güte“ (Historiker und Autor Eberhard Reuß) und war jahrzehntelang als Präsident der Gesellschaft zur Förderung des Olympischen Gedankens aktiv.

Das Spiel gegen Erfurt löste eine Völkerwanderung aus. Die Eintrittskarten reichten nicht aus, darauf war ja niemand vorbereitet.

Werner Demuth, der als Zuschauer beim Spiel gegen Erfurt dabei war

Die Spielstätte, die von Brauchitschs Namen trägt, erlebte ihre Highlights beim Aufstiegsspiel gegen Empor Ilmenau (27. Juni 1964, 7 000 Besucherinnen und Besucher, 3:0 für die Gastgeber), beim 2:2 gegen Turbine Erfurt (4. Oktober 1964, 8 000 Zuschauerinnen und Zuschauer) und gegen Aktivist Kali Werra Tiefenort (15. Juni 1968, 4 700 Zuschauerinnen und Zuschauer, 0:1). Die BSG Motor Rudisleben spielte insgesamt sieben Jahre zweitklassig (zuletzt 1983/84) und belegt damit den 87. Platz in der ewigen Tabelle der DDR-Liga.

Das war ein einzigartiges Erlebnis. Bis heute ist unklar, wie so viele Zuschauer überhaupt ins Stadion passen konnten. Viele beschwerten sich nach dem Spiel, weil sie einfach nichts sahen.

Klaus Bangert in der »Thüringer Allgemeinen«, Bangert erlebte das 2:2 gegen Erfurt als Spieler

Die Gegenwart sieht anders aus: „Gammlige Barrieren, verrostete Torpfosten, buckliger Rasen, eine vor sich hin dösende Holztribüne“, wie die Thüringer Allgemeine schrieb. Was für Groundhopper so geil ist wie eine Kettenkarussell-Flatrate für Sechsjährige, ist der Stadt verständlicherweise keine 40 000 Euro Unterhaltskosten wert. Der Platz wird seit 2005 nicht mehr gepflegt, vor fünf Jahren nahmen selbst die letzten zwei übriggebliebenen Freizeitmannschaften und eine Altherrentruppe Abschied. Sie trainieren jetzt auf der Anlage, die der Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn den „Todesstoß“ (Thüringer Allgemeine) gab: Dem Sportplatz Obertunk. Als man sich vor zehn Jahren für den Ausbau des Sportzentrums Obertunk entschied, bedeutete das im Gegenzug das Aus für den Sportplatz Rudisleben.

Der wird früher oder später verschwinden, weil er auf Thüringens größtem Gewerbegebiet steht. Nach und nach wird das Areal am Erfurter Kreuz erschlossen, wie lange die Holztribüne noch existieren wird, hängt vom Vermarktungsfortschritt ab. Der Abriss wird rechtlich unproblematisch werden, da die Tribüne nicht unter den Denkmalschutz fällt. Bei einer entsprechenden Prüfung „wurde vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie festgestellt, dass die Tribünenanlage kein Kulturdenkmal im Sinne des § 2 Thüringer Denkmalschutzgesetz ist“.

Auch ein Brand bedeutet noch nicht das Ende der Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn

Im Juni 2020 brannte ein Umkleideraum unter der Tribüne. Wäre das Feuer auf das Restgebäude übergesprungen, hätte sich die Holztribüne binnen kürzester Zeit in einen Haufen Schutt und Asche verwandelt, ganz ohne Bagger, Abrissbirnen oder Dynamit. Aber die Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn bleibt weiter standhaft.

Anschrift: Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn, Hinterm Stadion, 99310 Arnstadt-Rudisleben

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