Erst war das BORUSSEUM lange geschlossen – im April 2022 wurde es nach rund vier Jahren wiedereröffnet –, dann stellt es mich nach der langen Wartezeit vor eine kognitive Herausforderung. Die Einteilung nach Jahrzehnten, so wie sie bei den meisten Vereinsmuseen üblich ist, ist auf den ersten Blick einleuchtend. Die Borussia hat dagegen acht Themeninseln gestaltet: Gründungsgeschichte, Spielstätten, nationale Wettbewerbe, Dramen, Fans, Chronik, internationale Wettbewerbe und Schatzkammer. Das hat zur Folge, dass der Relegationskrimi gegen Fortuna Köln aus dem Jahr 1986 neben der Fast-Insolvenz von 2005 zu finden ist – ich mir erst einmal ein bisschen doof vorkomme. Hat man das Prinzip aber erst einmal durchschaut, entspricht der Gang durchs BORUSSEUM einer angenehmen Wanderung durch die Vereinsgeschichte, in der sich Audio- und Videoinhalte mit Exponaten und Texten abwechseln.
Besonders gelungen ist der Bereich „Fans“, in dem den Anhängerinnen und Anhängern Raum gegeben wird. Gezeigt wird beispielsweise der selbstgeschweißte „Wellenbrechersitz“ eines Vaters für seinen Sohn, der auf der Südtribüne zum Einsatz kam – zum ersten Mal im September 1987 beim UEFA-Cup-Spiel gegen Celtic Glasgow. Ein anderer junger Borusse berichtet davon, wie er seinen Schal verlor und der von Matthias Sammer wiedergefunden wurde. Fans stellen ihre Kutten zur Verfügung oder einen Doppelhalter aus den sechziger Jahren. Das BORUSSEUM hebt die Fans damit auf dieselbe Stufe wie die nationalen und internationalen Vereinserfolge, wie die Dramen und wie die Titel und macht damit deutlich, welchen Wert die Anhängerschaft für sie hat. Ein Fakt, der bei Vereinen gerne vergessen wird. Und dass in der „Schatzkammer“ jeder Pokal nur einmal gezeigt wird und nicht, wie im Museum des FC Bayern München, so oft, wie er gewonnen wurde, ist alles andere als ein netter Nebeneffekt. Diese Ausstellungsstücke gehören, wie der BVB schreibt, zu den „liebgewonnenen und einzigartigen Exponate[n] aus der ‚alten‘ Dauerausstellung“, die im Dezember 2008 eröffnet wurde und „die jetzt neu in Szene gesetzt wurden“. Wert legt man außerdem darauf, dass die Ausstellung „unabhängig von Sponsoren“ und damit eine „werbefreie Zone“ ist – möglicherweise ein subtiler Seitenhieb auf das zehn Autominuten entfernte Deutsche Fußballmuseum, das mitunter einem Herzogenauracher Outlet gleichkommt.
Der BVB-Finanzkollaps nimmt im BORUSSEUM Raum ein
Das heißt nicht, dass das BORUSSEUM der eigenen Geschichte unkritisch gegenübersteht. Negativ konnotierte Wörter wie „Gigantomanie“ oder „Größenwahn“ prangen auf dem Boden des BORUSSEUMS und zwingen die Besucherinnen und Besucher dazu, sich auch mit dieser Seite der Vereinshistorie auseinanderzusetzen. Dazu passt, was der Schirmherr des Museums, Dr. Reinhold Lunow, im Rahmen der Wiedereröffnung sagte: „Im neuen BORUSSEUM gilt es, sportliche Erfolge zu würdigen. So wichtig diese Erfolge für den BVB waren, so waren die Geschehnisse rund um die Beinahe-Insolvenz für Borussia Dortmund von viel größerer Bedeutung“.
Bedeutung nimmt in der Museumsarbeit der Borussen auch eine Sache ein, die viel wichtiger ist als Lothar Emmerichs Trikot von 1966 oder Ottmar Hitzfelds Trenchcoat vom Champions League Finale 1997: Die Gedenkarbeit. Im Januar lud der BVB anlässlich des Holocaust-Gedenktags zum „Tag gegen das Vergessen“ ein und unterstrich damit „seine klare Haltung gegen Antisemitismus, Diskriminierung und Ausgrenzung“, wie die Seite tribuna.com erklärt. „Da der Fußball in allen Gesellschaftsschichten einen sehr hohen Stellenwert genießt, sieht es das BORUSSEUM als Verpflichtung an, die große Strahlkraft der Sportart zu nutzen, um auf die Einhaltung von Werten wie Toleranz, Vielfalt und Demokratie, die Bestandteil der Satzung des BVB sind, hinzuwirken“, ergänzt der BVB. Aber auch Veranstaltungen wie die Talkrunde „Her Story – Frauenfußball beim BVB“ oder Andy Möllers Lesung „15 Sekunden Wembley“ gehören zum Veranstaltungskalender des BORUSSEUMS, dass „für jeden Menschen mit schwarzgelbem Herz […] ein Muss“ ist, wie der BVB weiß. Und auch für jeden anderen Fußballinteressierten.
Anschrift: BORUSSEUM, Strobelallee 50, 44139 Dortmund
Internet: bvb.de/de/de/signal-iduna-park/borusseum.html






































Schreibe einen Kommentar