Oststadtstadion, Hannover

Heute Abend tritt der SV Werder Bremen zum Relegations-Rückspiel beim 1. FC Heidenheim an. Wenn es schlecht läuft, ist Werder in der nächsten Saison zweitklassig, so wie es zuletzt 1981 der Fall war – vor fast 40 Jahren. Die Gegner hießen damals nicht VfL Bochum, FC St. Pauli oder Darmstadt 98, sondern SpVgg Erkenschwick, SC Herford oder Rot-Weiß Lüdenscheid. Der SV Werder lief damals aber auch in dem Stadion auf, das Ziel unseres heutigen Ausflugs ist: Im Oststadtstadion, Heimat des OSV Hannover.

Der junge Jörg Wontorra kündigte seinerzeit im Fernsehen „eine auf dem Papier ungleiche Paarung“ an. Der Gastgeber spielte gerade erst seine zweite Saison in der 2. Bundesliga Nord, hatte seine fetten Jahre aber bereits hinter sich. Die waren eng verbunden mit dem Namen Wolfgang Zabel. Zabel kam aus der Elektrobranche, als er 1962 den Vereinsvorsitz übernahm, dümpelte der OSV durch die 2. Kreisklasse. Aber der „Geschäftsmann mit leicht diktatorischer Attitüde“ (Hardy Grüne) verfolgt ehrgeizige Ziele: Er möchte in den bezahlten Fußball. Und der Plan scheint aufzugehen. Die Bothfelder feiern eine Meisterschaft nach der nächsten, keine zehn Jahre nach Zabels Amtsantritt steigt der OSV Hannover in die damals zweitklassige Regionalliga Nord auf.

Zwischen Vision und Auflage

Das Oststadtstadion wächst in dieser Zeit auf seine heutigen Ausmaße (und damit auf ein Fassungsvermögen von rund 10 000 Menschen) an. Zwar pachtet der OSV bereits 1952 das Areal von einer Bothfelder Erbengemeinschaft und weiht 1955 zwei Plätze samt Laufbahn ein, der A-Platz, das heutige Stadion, wird aber in der Blütephase des Vereins im Jahr 1973 fertiggestellt. Dabei entspricht eine zeitgemäße Sportstätte nicht nur den Visionen Zabels, sondern ist auch Voraussetzung des Norddeutschen Fußballverbands für den Spielbetrieb in der Regionalliga Nord.

Im Zuge der Neugestaltung profitieren die Nordstädter von der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Als das rund zwanzig Autominuten entfernte Niedersachsenstadion für die WM einen neuen Rasen bekommt, ergattert auch das Oststadtstadion ein neues Geläuf. Zusätzlich landen ausrangierte Beleuchtungskörper der heutigen HDI-Arena an der Langenforther Straße.

Wiederverwertung einer Tribüne

Am markantesten ist aber bis heute die riesige Tribüne, die sich über die gesamte Spielfeldlänge erstreckt. Die gehörte als Zusatztribüne zum Stadion Rote Erde in Dortmund und wurde überflüssig, als im Rahmen der WM 74 das Westfalenstadion neben die Rote Erde gesetzt wurde.

Die Tribüne ist auch der Grund, warum es das Oststadtstadion in die Liste der 150 Fußballorte der 11 Freunde geschafft hat: Durch die Wiederverwertung spricht das Magazin von „Stadionrecycling“, „gerade weil das Thema Nachhaltigkeit in den Siebzigern nicht groß geschrieben wurde“. Auf dem imposanten Bauwerk finden heute knapp über 7 000 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz (davon 800 sitzend), es besteht überwiegend aus Holz. Das wurde der Tribüne im März 2010 zum Verhängnis, damals sorgte ein technischer Defekt für einen Brand. Auf diese Weise kam sie im Zuge ihrer Sanierung zu einer Art VIP-Bereich, der sich im mittleren Sektor befindet und der im unterklassigen Fußball vermutlich einmalig ist.

Wirklich ausverkauft war das kleine Stadion nie. Auch in den guten Tagen der Saison 1979/80 lag der Schnitt bei lediglich 2 516 Zuschauern.

Christian Wolter in »Hannoversche Geschichtsblätter, Band 60«

Unterklassig spielte der OSV Hannover bereits wieder seit den frühen Achtzigerjahren, denn so schnell wie es nach oben ging, ging es auch wieder nach unten. Hannovers Fußballfans entdeckten ihre Liebe zur Arminia wieder und kamen immer seltener an die Langenforther Straße. Als Wolfgang Zabel sein Engagement einstellte, verabschiedete sich der OSV für alle Zeiten vom Profifußball. Die Saison 1980/81 war die letzte in der 2. Bundesliga Nord, trauriger Höhepunkt waren mickrige 164 Zahlende beim Heimspiel gegen Viktoria Köln.

Jugendarbeit als Rettungsanker

Die folgenden zwanzig Jahre wurden von Abstiegen und finanziellen Schwierigkeiten geprägt. Als der SV Werder Bremen drei Deutsche Meisterschaften und fünf Pokalsiege feiern konnte, als er 1992 das Estádio da Luz eroberte und sich später kollektiv in einen mäßig Deutsch sprechenden Brasilianer verliebte, führte der Weg des OSV Hannover bis in die Kreisliga. Heute steht der Verein wieder auf gesunden Füßen und ist bekannt für seine gute Jugendarbeit. Von der profitierte der OSV bereits in den Siebzigern, als die Qualifikation für die 2. Bundesliga Nord im ersten Anlauf verpasst wurde.

Am Ende des heutigen Tages qualifiziert sich der SV Werder Bremen nicht für die 2. Bundesliga, sondern bleibt ein Erstligist. Auch wenn die Wege des SV Werder und des OSV Hannover in den letzten vierzig Jahren in verschiedene Richtungen gingen, wenn der eine Verein gegen den FC Barcelona, Juventus und den FC Chelsea spielte und sich der andere in der Tabelle hinter dem TSV Kleinburgwedel, Kleeblatt Stöcken oder der SG Blaues Wunder wiederfand, so bleibt für den OSV Hannover doch etwas Positives hängen, wie Hardy Grüne in Fußballheimat Bremen & Niedersachsen schreibt:

Sportlicher Niedergang hat auch seine Vorteile. Denn er schützt eine Infrastruktur, die bei andauerndem Erfolg als nicht zeitgemäß angesehen und verschwunden wäre.

Anschrift: Oststadtstadion, Langenforther Straße, 30657 Hannover | Parkmöglichkeiten: Carl-Loges-Straße 12, 30657 Hannover

Internet: https://www.osvhannover.org/verein/stadion/

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