Hotel Vier-Jahreszeiten, Schluchsee

„So schlecht vorbereitet waren wir noch nie“, motzte Toni Schumacher vollmundig, um wenig später kleinlaut und „zugeknöpft bis zur Halskrause“ beizugeben: „Ich sage jetzt gar nichts mehr.“ Rainer Holzschuh, seinerzeit Pressechef des DFB, bemühte sich unterdessen, die Wogen zu glätten: „Die Sache ist aus der Welt.“ Dabei wusste der Kicker, dass es Spitz auf Knopf stand: „Toni stand vor dem Rausschmiß“.

Natürlich passen die Zitate aus dem Kicker-Archiv zu dem, was man heute über die WM-Vorbereitung am Schluchsee weiß. Dass es im Vorfeld der Weltmeisterschaft 1982 unsittlich zuging, erfuhren auch die, die es nicht wissen wollten, aus Toni Schumachers Buch Anpfiff. Dass die einen Nationalspieler „um 20 000 bis 30 000 Mark“ pokerten und die anderen „bumsten bis zum Morgengrauen“. Nur: Schumachers Zitate fielen nicht im Vorfeld der WM 1982. Sie fielen erst vier Jahre später zum Turnier in Mexico. 

Das Trainingslager im Hotel Vier-Jahreszeiten hieß zu Beginn noch „Hotel Hetzel“

Unmittelbar nach der Vorbereitung am Schluchsee war der Tenor ein ganz anderer. Der Kicker berichtete davon, dass „die lockere und harmonische Atmosphäre […] gerade auf dem medizinischen Gebiet wahre Wunder bewirkt[e]“. Der langjährige DFB-Masseur Erich Deuser wusste: „Dieses Vorbereitungslager war wie eine Kur.“ Und aus den Spielerkreisen bestätigte Bremens Uwe Reinders: „In dieser Truppe herrscht eine tolle Kameradschaft.“ Selbst Toni Schumacher sehnte sich 1986 nach der „viel lockereren“ Stimmung vom Schluchsee (auch wenn er zwanzig Jahre später in einem Interview mit der SZ nichts mehr davon wissen wollte). Und Bundestrainer Jupp Derwall fand die Woche im Schwarzwald „wohltuend“.

Er war es, der vor der WM in Spanien einen anderen Weg einschlagen wollte. Seit 1966 bereitete sich die Nationalmannschaft in Malente auf Weltmeisterschaften vor, Derwall entschied sich für das Hotel Vierjahreszeiten am Schluchsee, das damals noch „Hotel Hetzel“ hieß. Maßgeblichen Einfluss auf Derwall nahm damals Helmut Schweimler, der über „ausgeprägte Kontakte“ verfügte.

Die Idylle am Schlucksee hatte etwas von einem Heimatfilm

Und im Schwarzwald freute man sich auf den amtierenden Europameister: „Als der Omnibus des Deutschen Fußballbundes die Einfahrt zum Hotel erreichte, kannte der Jubel um die prominentesten Fußballer des Landes keine Grenzen mehr“, schrieb die Badische Zeitung damals. Die Trachtenkapelle blies in die Trompeten, Jupp Derwall bekam vom Bürgermeister ein Sträußchen Blumen. Alles hatte etwas von einem vollkommenen Heimatfilm, nur nicht mit dem Förster-Liesel, sondern mit Bernd und Karl-Heinz.

Als sich die beiden Stuttgarter mit dem Rest der Nationalmannschaft auf die WM in Spanien vorbereiteten, war das Hotel Hetzel gerade einmal drei Jahre alt. Gebaut wurde es von Kurt Hetzel, dem damals „mächtigste[n] Reiseveranstalter im Ländle“, wie die Hotel-Chronik erklärt. Hetzel und seine Frau waren die Erfinder der Charter- und Kurzflugreisen, allein die Eröffnung des Hotels muss legendär gewesen sein: „Zur Einweihung komponierte Firmenchef Kurt Hetzel eine ‚Schluchsee-Kantate‘ und dirigierte die Uraufführung“, erinnert sich die Stuttgarter-Zeitung. Seinen heutigen Namen trägt das Hotel seit Ende 1996, im selben Jahr mussten die Hetzel-Reisen Konkurs anmelden.

Wann die Hotelbutter in dieser Geschichte anfing, ranzig zu schmecken, lässt sich nicht so genau sagen. Paul Breitner beklagte ein Jahr nach der WM in der BILD: „Wir sind in eine gewisse Lethargie hineingedöst“. Die von Deuser gelobte, kuraufenthaltähnliche Erholung, die Horst Hrubesch beispielsweise zum frühmorgendlichen Angeln nutze, war für den Rebell aus Kolbermoor zu viel des Guten. Deshalb war er sich auch sicher: „Wir verloren die WM im Schwarzwald“, um aber auch festzuhalten: „Soviel [sic!] wurde wirklich nicht getrunken“. Eike Immel berichtete in der 11 FREUNDE von Geliebten, die sich in Nebenzimmern einmieteten, aber nicht von Saufexzessen, auch wenn Hrubeschs Angelausflüge, so ein Mitglied des örtlichen Angelvereins, „nicht selten an der Hausbar einer Pension endeten“.

Ob am Schluchsee zu viel getrunken wurde, ist schlicht und ergreifend relativ

Sicher ist, dass Derwalls lange Leine gnadenlos ausgenutzt wurde, „sie war zu lang“, wie der Gladbacher Winfried Hannes am Telefon sagt. Auf die Frage, ob der Schlucksee seinen Namen zurecht erhielt, sagt er einen epischen Satz: „Vieles ist immer relativ.“  

Gänzlich ungeklärt bleibt dagegen, wann zum ersten Mal der Name „Schlucksee“ in der Presselandschaft vorkam. In der BILD-Zeitung tauchte der Begriff zum ersten Mal im obengenannten Breitner-Bericht auf, „aus diesem Artikel geht hervor, dass diese Wortschöpfung keine Kreation der BILD-Redaktion ist“, wie Jan-Philipp Bahr vom Axel-Springer-Verlag berichtet. Auch in der heimischen Presse fand der Name keine Verwendung, wie Friedrich Zapf erklärt. Nur Toni Schumachers Aussage im SPIEGEL verrät, dass es sich um eine Wortschöpfung der Nationalspieler handeln könnte: „Den Schluchsee haben wir nachher in ‚Schlucksee‘ umgetauft“.

Eine Sache, die einen Haken hat: „Man spricht hier den Ort und den See etwa wie ‚Schluuchsee‘ aus, das u etwas gedehnt“, erklärt Friedrich Zapf. Hätte man das vorher gewusst, wäre die deutsche Fußballhistorie um eine Geschichte ärmer.

Anschrift: Hotel Vier-Jahreszeiten, Am Riesenbühl 4, 79859 Schluchsee

Internet: https://www.vjz.de/de/

FacebookTwitterWhatsAppEmail

Schreibe einen Kommentar