DDR-Fußball-Museum, Muldestausee

Im November 1989 fuhren wir mit unserer Schulklasse an die rund dreißig Kilometer entfernte deutsch-deutsche-Grenze und verteilten Obst an die DDR-Bürger, die an jenem denkwürdigen Tag die Grenze passierten. Ich werde diese Bilder nie vergessen, auch wenn mir die Tragweite dieses historischen Moments als Neunjähriger nicht bewusst war. Wie im Fernsehen feierten die Menschen mit einer Freude, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte, dabei war die DDR ein Land, das ich in den Nachrichten immer als etwas Bedrohliches wahrgenommen hatte.

An diesen Tagen im November 1989 wurde gleichzeitig das langsame Ende des DDR-Fußballs eingeläutet, der für mich nicht bedrohlich, aber zumindest geheimnisvoll war. Die wagen Erzählungen von der Niederlage bei der WM 1974, Trikots, die im Gegensatz zu denen in der Bundesliga keine Werbung auf der Brust hatten und die Vereine, die nicht Borussia, Eintracht oder Fortuna hießen, sondern Dynamo, Fortschritt oder Schwarze Pumpe.

Als ob es den Fußball nur im Westen gab

Wenn man ehrlich ist, dann ist der DDR-Fußball bis heute eine große Unbekannte, in den Medien spielt er so gut wie keine Rolle mehr. Teilweise muss man sich die Frage stellen, ob die deutsche Fußballgeschichte nur im Westen stattfand, denn wer nimmt heute noch von dem Europapokaltriumph des 1. FC Magdeburg oder der DDR-Goldmedaille von Montreal Notiz?

Ein Mann aus Sachsen-Anhalt klärt die Menschen über den Ostfußball auf, so wie es Oswald Kolle, Erika Berger und Dr. Sommer einst mit der Liebe und Rousseau, Kant und Voltaire mit der Menschheit überhaupt taten. Uwe Sturm, von allen nur „Sturmi“ genannt, beherbergt in einem kleinen Ort in der Gemeinde Muldestausee das einzige DDR-Fußball-Museum der Welt.

Die Grundlagen des DDR-Fußball-Museums wurden in Sturmis Kindheit gelegt

Eigentlich sammelt Sturmi schon immer Fußball-Devotionalien. Bereits als Jugendlicher jagte er dem Ball hinterher, sollte sogar zum Anschlusskader des Halleschen FC gehören. Wenn es bei Turnieren oder Trainingslagern Gläser oder Wimpel gab, wanderten diese ins Regal. Aus der Profikarriere wurde nichts, dafür wurde die Sammelleidenschaft immer größer. Erst stellte er seine Schätzchen in der Gartenhütte aus, später in den Räumlichkeiten der verstorbenen Oma und seit 2019 in einem eigens dafür gebauten Haus im heimischen Garten.

Ich möchte das nicht missen, das gehört einfach zu meinem Leben.

Uwe Sturm

Auf 65 Quadratmetern wird hier die Historie des DDR-Fußballs nacherzählt. Die ganzen Trikots ohne Werbung, die mich als Kind so faszinierten – hier sind sie ausgestellt. Ein gehäkeltes von Chemie Leipzig, das seltene Trikot von Energie Cottbus, das sie auch in der Lausitz so gern hätten oder – das Highlight – ein Netztrikot von Stahl Riesa, von dem es vermutlich nur noch zwei oder drei Stück gibt. Die Vielzahl der Vereine verrät, dass Sturmi den Fokus nicht auf seine Lieblingsklubs aus Jena und Dresden legt, sondern auf den ganzen Ostfußball: „Ein einziger Verein wäre doch langweilig“, sagt er, „ganz Deutschland aber auch zu viel“.

Viele Fanartikel der West-Vereine wurden in der DDR hergestellt

Wie bei den Trikots gibt es auch in seiner Gläsersammlung einzigartige Exponate. Warum das so ist, kann Sturmi erklären: „In jeder Mannschaft war ein Spieler für die Fanartikel zuständig, so wie ein anderer für das Aufpumpen der Bälle zuständig war. Wenn es ein Jubiläum gab, zum Beispiel einen Geburtstag, fuhren die Spieler nach Weißwasser und gaben Gläser in Auftrag, die besonders bedruckt wurden. So kamen die Unikate zustande.“ Dazu zieren seltene Deckelvasen, Wimpel, Plakate und Ehrengaben die Wände. Besonders sind aber auch Fanartikel wie ein Dynamo Berlin-Stadionkissen oder ein Schwimmkissen von der BSG Stahl Riesa. Eine Ausnahme in der planwirtschaftlich gelenkten DDR? Ganz im Gegenteil. „Die DDR war der größte Fanartikel-Exporteur der Welt“, weiß Sturmi – und der Westen ein dankbarer Abnehmer: „Die Bundesrepublik [ist] mit einem Zehnprozent-Anteil mittlerweile nach der Sowjet-Union wichtigster Handelspartner der DDR“, schrieb der Spiegel im Januar 1973. Wer auf dem Dachboden noch ein Fähnchen von der Schießbude liegen hat, der kann sich recht sicher sein, dass es im Osten der Republik hergestellt wurde.

Sturmi entdeckt seine Schätzchen bei Ebay oder auf dem Flohmarkt (so wie bei einem Paar DDR-Torwarthandschuhen), in erster Linie hilft ihm aber ein jahrelang gepflegtes, weltweites Netzwerk und der gute Draht zu den Legenden – denn Sturmi kennt sie (fast) alle persönlich. Im Jahr 2017 wurde er zu einem Spiel der DDR-Traditionsmannschaft eingeladen, nicht als Zuschauer, sondern als Spieler. „Beinahe hätte ich selbst ein Tor gemacht, aber ich war so nervös, dass ich dem Torwart den Ball mitten in den Bauch geschossen habe“, sagt Sturmi und muss lachen. Das verpasste Tor macht den Nationalmannschaftseinsatz nicht minder unvergesslich, an dem Tag ging für Sturmi ein Traum in Erfüllung.

Viele Geheimnisse des Ostfußballs werden im DDR-Fußball-Museum gelüftet

Für viele Fans ist der Besuch in der Gemeinde Muldestausee nichts anderes: Ein Traum. Ein Sprichwort sagt: „Liebst du, was du tust, dann wird es auch gut.“ Genau das sieht man in Sturmis Museumsbau, nicht umsonst gehört Sturmi laut Spiegel zu den „Typen mit Leidenschaft 2018“. Viele Sammler behalten ihre Exponate für sich, Sturmi macht sie der Öffentlichkeit zugänglich. Vielleicht werden die großen Stars des DDR-Fußballs gerade dadurch ermutigt, ihre Devotionalien in Gossa abzugeben, viel wichtiger ist aber, dass viele Geheimnisse des DDR-Fußballs auf diese Weise gelüftet werden.

Anschrift: DDR-Fußball-Museum, 06774 Muldestausee (Die Anschrift und einen Besuchstermin erhält man auf Anfrage unter sturmi242@t-online.de)

Internet: https://ddr-fussball-museum.de.tl

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