Johanneum, Lüneburg

Als die „11 Freunde “ im Mai 2012 die „99 Orte, die Fußballfans gesehen haben müssen“ veröffentlichten, galt Braunschweig noch als „Wiege des deutschen Fußballs“. Wir besuchten das Martino Katharineums und das Haus der Wissenschaft an der Pockelstraße, wo – Stand 2012 – auf dem kleinen Exerzierplatz das erste Fußballspiel auf deutschem Boden stattfand. Zum Abschluss gab es damals einen Kaffee im Herman’s. Das Studierendencafé befindet sich zwei Gehminuten vom Haus der Wissenschaft entfernt, an gleicher Stelle wohnte einst Konrad Koch. Der galt als „Begründer des deutschen Fußballspiels“, was nicht zuletzt durch Sebastian Groblers „Der ganz große Traum“ untermauert wurde.

Dass der Film an der Wahrheit vorbeischießt, war schon damals kein Geheimnis: Konrad Koch war nie in England und unterrichtete auch nie die englische Sprache. Wie sehr „Der ganz große Traum“ daneben liegt, weiß man zehn Jahre später: Die Wiege des deutschen Fußballs steht gar nicht in Braunschweig.

Sie steht auch nicht in Dresden, wurde dort aber zwischenzeitlich abgestellt. Bis heute findet man auf der Startseite von dfc1874.blogspot.com den Hinweis, dass es sich beim Dresden Football Club „um die erste Mannschaft in Deutschland, die Assoziationsfußball spielte“ handelt.  Das goldene Buch des deutschen Fußballs feierte 2015 den Dresden Football Club ebenfalls als „erste Mannschaft der Stunde“, wie der Fußballhistoriker Dr. Hans-Peter Hock in seiner Publikation Der Dresden Football Club und die Anfänge des Fußballs in Europa erklärt. Grundlage dieser Annahme war ein Holzstich, der in der „Illustrierten Zeitung“ vom 25. April 1874 erschien und die Mannschaft des DFC zeigte. Zwar gibt es auf dem Foto keinen Fußball, in dem ergänzenden Artikel wird aber „von einem Spiel [gesprochen], bei dem die Bälle mit dem Fuße fortgeschleudert werden“. Untermauert wurde diese Annahme von einem Spielbericht im Berliner Wochenblatt „Spiel und Sport“, das im Jahr 1896 von einem Bestehen des Dresden Football Club seit 1872 berichtete.

Sowohl Rugby als auch Fußball wurden als „football“ bezeichnet

Bei der Suche nach den Anfängen des Fußballs in Deutschland kommt es dabei immer wieder zu drei entscheidenden Problemen:

a) Sowohl in Dresden als auch bei Konrad Koch in Braunschweig wurde ein Sport eingeführt, in dem der Ball mit der Hand aufgenommen werden durfte und der dem Rugby deutlich näher war als dem Fußball. Beide Sportarten, sowohl Rugby als auch Fußball, trugen damals denselben Namen: „football“. Damit reihte sich der Dresden Football Club lediglich in die Riege von Rugby-Vereinen ein, die es im Deutschen Reich zu jener Zeit gab „und die das Rugbyspiel bevorzugten, so etwa der 1868 gegründete English Football Club Hanover [sic]“, wie es bei Hans-Peter Hock heißt.

b) Die Primärquellen jener Zeit sind mit Vorsicht zu genießen, da sie oft nicht wissen (oder angeben), welche Variante gespielt wurde. Zudem ist das genaue Gründungsdatum der Vereine oftmals unbekannt.

c) Eine weitere Problematik liegt zudem darin, dass sich der Konrad Koch-Mythos hartnäckig eingenistet hat. Daran hatte nicht nur der obengenannte Kinofilm, sondern auch eine 2020(!) ausgestrahlte NDR-Dokumentation ihren Anteil. Auf der Internetpräsenz der Stadt Braunschweig behauptet man heute noch, dass man Koch „die Einführung des Fußballspiels in Deutschland 1874 sowie die deutschen Fußballregeln“ verdankt. Das liegt daran, dass man in Braunschweig die Forschungsergebnisse von Hans-Peter Hock „nicht im Gegensatz zu dem [sieht], was wir über Konrad Koch wissen“, wie Gerold Leppa von der Braunschweiger Stadtmarketing GmbH auf dem Internetportal Regionalheute berichtet. „Dies ändert nichts an der Tatsache, dass auf Initiative des Braunschweigers Konrad Koch, den Fußball als pädagogisches Mittel im Schulalltag aufzunehmen, der lange und erfolgreiche Weg dieser Sportart in Deutschland geebnet wurde“, so Leppa weiter.

Von Braunschweig aus, so sieht man es dort, trat das Fußballspiel seinen Siegeszug durch deutsche Lande an.

Deutschland.de

„Braunschweig oder Dresden, Hauptsache Lüneburg“, müsste es heißen. Denn heute weiß man, dass die Wiege des deutschen Fußballs 110 Kilometer von Braunschweig entfernt in Richtung Norden steht: „Die Anfänge des Fußball-Sports in Deutschland liegen in Lüneburg“, erklärt die Historikerin Petra Tabarelli auf ihrem Blog Nachspielzeiten.de und beruft sich auf einen Artikel der englischen Wochenzeitschrift „The Field“. Den entdeckte Hans-Peter Hock, als er auf der Suche nach Belegen für die Anfänge des Fußballs in Dresden war.

In dem Artikel wird einerseits vom „Assoziationsfußball“ gesprochen (in Anlehnung an das Regelwerk der Football Association), womit eindeutig ist, dass in Lüneburg tatsächlich Fußball (und nicht Rugby) gespielt wurde. Andererseits bestätigen weitere, zeitnahe Primärquellen die Anfänge des Lüneburg College Football Club, darunter die „Lüneburgsche Anzeigen“.

Es musste der Nachweis erbracht werden, dass es sich um das Johanneum handelt

Dass es sich beim Lüneburg College Football Club um das Johanneum handelt, ist inzwischen auch nachgewiesen. In den Spielberichten jener Zeit tauchen Namen auf, die von Dr. Ingmar Probst und den Schülerinnen und Schülern seines Oberstufenkurses im Archiv des Johanneum ausfindig gemacht werden konnten. „Mindestens zehn der insgesamt 18 in den Mannschaftsaufstellungen in ‚The Field‘ genannten Spieler waren zu dieser Zeit Schüler des Johanneums“, heißt es in einem Zeitungsartikel der Landeszeitung aus dem Februar 2017.

Der wahre Konrad Koch kommt demnach aus Lüneburg und heißt Wilhelm Karl Philipp Theodor Goerges (1838 bis 1925). Goerges war ein deutscher Lehrer, der am Johanneum in Lüneburg unterrichtete und dort den Lüneburg College Football Club gründete. Er lernte den Fußball nicht in England kennen, sondern 1861 in Lancy in der Schweiz, wie Hans-Peter Hock in seiner Publikation erklärt.

Am Johanneum wird es vermutlich keine Gedenktafel geben

Während am Braunschweiger Martino Katharineum eine Gedenktafel an Konrad Koch erinnert, eine Bezirkssportanlage nach ihm benannt wurde und vor dem Haus der Wissenschaft eine BLIK-Tafel (Braunschweiger Leit- und Informationssystem für Kultur) aufgestellt wurde, erinnert in Lüneburg noch nichts an Wilhelm Goerges, den eigentlichen deutschen Fußball-Pionier.

„Bisher ist bei uns hier an der Schule auch nicht vorgesehen, dass wir den Weg des Martino-Katharineums beschreiten“, sagt Ingmar Probst auf Nachfrage. Seine Aussage ist nachvollziehbar: „Da das Johanneum sich seit über vierzig Jahren nicht mehr in dem Gebäude befindet, in dem es in den 1870er-Jahren situiert war, ist diese Entscheidung in jeder Hinsicht angemessen.“

Die Stadt Lüneburg lässt auf sich warten

Stattdessen soll eine Tafel auf der von Hans-Peter Hock nachgewiesenen Spielstätte, dem Böhmsholz, aufgestellt werden. Der Lüneburger Sporthistoriker Erhard Roelcke wartet auf eine Zusage der Stadt Lüneburg, der finanzielle Aspekt sei dagegen geklärt: „Die Kosten“, so Roelcke, „würden vom DFB übernommen, wenn sie sich in einem gewissen Rahmen bewegen.“ Nachdem 2014 mit dem Wilschenbruch eins der ältesten deutschen Fußballstadien abgerissen wurde, hätten es die Lüneburger Fußballfans verdient.

Und auch alle anderen Fußballanhänger. Das Johanneum ist seit 1978 in der Theodor-Heuss-Straße zu finden, unter dieser Anschrift, die auch in der 11 Freunde angegeben ist, spielt die Fußballhistorie keine Rolle. In dem Gebäude am Roten Wall (heute Oberschule am Wasserturm) – dort war das Johanneum vorher untergebracht – ist es nicht anders. Bleibt noch das Böhmsholz: Die Waldgaststätte befindet sich in Privatbesitz, die Eigentümer haben an einer Gedenktafel kein Interesse. „Der Waldweg vor dem Gasthaus ist städtisches Gelände. Mit Einwilligung der Hansestadt Lüneburg könnte eine Gedenktafel aufgestellt werden“, sagt Erhard Roelcke.

Es wäre an der Zeit, dass die Stadt mal aktiv wird, bevor irgendwer ein Schild aus Salzteig bastelt.

Anschrift: Johanneum, Theodor-Heuss-Straße 1, 21337 Lüneburg

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